Von DIETER WOLF, 16.04.10, 19:01h
Jürgen Streich hatte einmal mehr einen engagierten Kämpfer zum Literaturforum eingeladen. Äußerer Anlass mag das neue Buch Neudecks „Die Kraft Afrikas" gewesen sein, aber es ging an diesem Abend im vollbesetzten Saal um weit mehr, als nur ein Buch zu promoten. Neudeck warb temperamentvoll dafür, das Bild Afrikas gerade zu rücken. Der Cap-Anamur-Gründer stellte in seinen Schilderungen vor allem die europäische Arroganz gegenüber dem Schwarzen Kontinent bloß. Diese verhindere eine selbstbewusste Entwicklung des Kontinentes. Genauer: Das, was „Entwicklungshilfe" genannt werde, fördere nur die Korruption und die Begünstigung schwarzer Eliten in den Ländern. Überhaupt sei die sogenannte Entwicklungshilfe der Bundesrepublik ein Politikum zwischen Hallstein-Doktrin und wirtschaftlichem Egoismus. Auch an die internationale Völkergemeinschaft verteilte Neudeck schlechte Noten. „Wenn die Chinesen einen Hafenausbau versprechen, ist nach einem Jahr der Hafen fertig. Die UN hat nach sieben Jahren gerade mal eine Studie erstellt.“
Drei Themenkomplexen widmete sich Rupert Neudeck zum Thema Afrika. Migration, 50 Jahre Entwicklungspolitik der Bundesrepublik und Chinesen in Afrika. Für alle drei Bereiche hielt Neudeck Plädoyers für einen anderen Umgang mit dem Schwarzen Kontinent. Kalter Krieg, wirtschaftliche Interessen und regionale Eigenheiten haben, so Neudeck, zur Massenmigration geführt. Etwa 18 Millionen Afrikaner wollten nach Europa, das die Grenzen dicht mache. Und immer versuchten die Europäer, den Afrikanern ihr Gesellschaftssystem „aufzudrücken". Man fördere Männer, obwohl in Afrika Frauen die organisatorische Kompetenz besäßen oder mache eine „Westminster-Demokratie“ zur Bedingung staatlicher Hilfen. Afrika könne sich aus eigener Kraft helfen, wenn ausländische Unterstützung sich angemessen den regionalen Bedingungen anpasse.
Kritik aus dem Publikum, dass erst die Durchsetzung von Menschenrechten und westlicher Moralvorstellungen afrikanischen Staaten zugute komme, tat Neudeck als Heuchelei ab, weil von Menschenrechten nur gesprochen werde, wenn man persönliche Interessen damit verknüpfe. „Wo war denn die westliche Staatengemeinschaft 1994 beim Völkermord in Ruanda?“, fragte Neudeck und stellte fest: „Man hat seinerzeit nur dafür gesorgt, dass alle Weißen evakuiert wurden. Dann wurde sich nicht mehr gekümmert. Offiziell wollte die UN nicht von Völkermord sprechen, weil die Staatengemeinschaft sonst zwingend hätte eingreifen müssen."
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