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Interview

„Alle Gefühle, die das Leben bietet“

Erstellt 16.04.10, 11:30h

Das Kölner Tanzpaar Ricardo und Raquel Lang erzählen im Interview, was sie so am Tango fasziniert.

Ricardo und Raquel Lang, wann sind Sie das erste Mal mit Tango in Berührung gekommen?

RICARDO LANG Bei mir war es 1995, da habe ich das erste Mal Tango in der Kölner Philharmonie gesehen. Tango Pasión. Damals dachte ich: Das muss ich unbedingt lernen. Es hat aber fünf Jahre gedauert, bis ich angefangen habe.

RAQUEL LANG Bei mir war die erste Berührung Astor Piazzolla. Ich weiß nicht genau, wann das war, irgendwann 2000 / 2001. Mir hat seine Musik gleich sehr gut gefallen, aber damals habe ich noch nicht dran gedacht, das irgendwann selbst aufzugreifen.

Welche Schwierigkeiten birgt der Tango für einen Anfänger?

RAQUEL Viele Tanzpaare, die kein Liebespaar sind, müssen sich erst mal zur geschlossenen Umarmung überwinden.

RICARDO Es ist eine sehr starke Berührung. Sehr innig. Als würde man einen guten Freund umarmen. Wenn die Leute sich noch nicht so gut kennen, ist das schwierig.

Sie haben ein Jahr in Buenos Aires gelebt. Wie wurden Sie dort als deutsches Tanzpaar aufgenommen?

RICARDO Als wir gesagt haben, wir kommen aus Deutschland, da war die Reaktion: Deutschland? Da gibt es gute Ingenieure, gute Autos, aber Tänzer? Als ich dann sagte, dass ich ursprünglich aus Rumänien komme, hieß es: Ja, das ist einer von uns, ein Latino, der kann tanzen.

RAQUEL Als Frau ist es natürlich eh nicht so wichtig, wie man tanzt. Auch nach unseren Auftritten war ich immer die Schöne, die Süße. Ich weiß gar nicht, ob überhaupt bemerkt wurde, wie ich tanze. Wenn ich Komplimente bekam, dann hauptsächlich für mein Aussehen.

Sie haben gerade Workshops in Bukarest gegeben. Ist die Tango-Szene dort eine andere?

RICARDO Ja. In Rumänien sind die Leute in den Tango-Workshops erst sehr schüchtern und zurückhaltend. Aber dann abends im Salon ändert sich das. Sie fordern zum Beispiel gleich die Lehrer zum Tanzen auf. Das würde hier in Deutschland nicht passieren.

RAQUEL Bei uns geht man sehr respektvoll miteinander um. In Bukarest gab es eine Szene, da hat ein Mann mit der Gastgeberin des Salons getanzt, und sie hat irgendwas gemacht, was ihn gestört hat. Da hat er sie nach einem Lied stehen lassen.

RICARDO Das ist unmöglich. So was kann man nicht machen.

Was bedeutet Ihnen der Tango?

RICARDO Alles. In den ersten Jahren bin ich nachts wach geworden, weil ich von irgendwelchen Tangofiguren geträumt habe. Es hat mich süchtig gemacht. Ich brauchte diese Umarmung, diese Bewegung. Diese Musik. . . Piazzolla hat das so schön ausgedrückt: Drei Minuten mit der Wirklichkeit. In drei Minuten Tango steckt die ganze Gefühlspalette, die das Leben so bietet. Liebe, Melancholie, Wehmut, Freude, all das ist in diesem Tanz. Die eigene Stimmung spiegelt sich im Tanz und in der Kommunikation zwischen den Tänzern.

RAQUEL Ich hatte das Gefühl, dass ich durch den Tango weiblicher wurde. Ich bekam ein anderes Gefühl zu meinem Körper. Und die klassischen Rollen, die man während des Tanzens einnimmt, sind auch etwas Schönes. Mich für die Dauer des Tanzes hinzugeben und nicht denken zu müssen. Der Tango gibt Halt und neue Orientierung.

Das Gespräch führte Alexa Christ

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