Erstellt 13.05.10, 18:24h, aktualisiert 13.05.10, 18:31h
Erstmals ist jedoch Zuversicht zu spüren. US-Energieminister Steven Chu sieht nach einem Besuch in der BP-Kommandozentrale in Houston (Texas) am Mittwoch "Fortschritte" und ist "beruhigter als noch vor einer Woche". Warum genau, das sagte Chu nicht. Aber die Antwort könnte darin liegen, dass der britische Ölriese nach Tagen offensichtlicher Ratlosigkeit erstmals gleich mehrere Aktionen auf einmal vorbereitet, die den Ölaustritt vermindern oder vorläufig völlig stoppen könnten - bis die Quelle vermutlich im August endgültig versiegelt werden könnte.
Nach dem Scheitern von "Plan A", das ausströmende Öl durch eine riesige, 13 Meter hohe Stahlkuppel aufzufangen und dann abzusaugen, konzentrieren sich die Bemühungen auf insgesamt sechs Möglichkeiten. Doch die Risiken sind erheblich. "Wir richten jeden Versuch so aus, dass er erfolgreich ist, doch wir planen auch ein Scheitern ein", gibt ein Experte offen zu.
"Plan B" ist der "top hat" - der Zylinder. In der Nacht zum Mittwoch wurde ein kleiner, lediglich 1,50 Meter hoher Stahlbeton-Behälter in die Tiefe gelassen. Er soll, platziert über dem größten Leck, das Öl auffangen und auf ein Bohrschiff leiten. Die Verantwortlichen hoffen, dass sich ein Desaster wie bei der großen Kuppel nicht wiederholt. In ihr hatten sich Kristalle aus Öl und eiskaltem Wasser abgesetzt. Sie verstopften die Öffnung der Kuppel, und so konnte das Öl nicht abgesaugt werden. Der kleinere Container soll deshalb jetzt mit Warmwasser beheizt werden, das durch Rohre in die Tiefe geleitet wird. Der Zylinder kann allerdings nicht das ganze Öl auffangen.
"Plan C" ist das Anbringen eines Ventils auf dem abgerissenen Steigrohr, um dann das Öl von dort ebenfalls auf ein Schiff zu leiten. Aber auch in diesem Fall würde noch etwas Öl weiter austreten, weil es ein zweites Leck gibt. Ein BP-Experte sagte am Donnerstag, dass bis zum Wochenende eine dieser beiden Varianten angewendet wird - welche, darüber wurde zunächst noch beraten. Funktioniert die eine nicht, folgt die andere.
"Plan D" heißt "Junk Shot" - Müll-Beschuss. Dabei wird das Ventil, das sich bei dem Ölunfall am 20. April nicht wie geplant geschlossen hatte, mit einem Gummigemisch etwa aus zerkleinerten Autoreifen und Golfbällen unter hohem Druck "beschossen". Größere Gummiteile kommen zuerst, dann kleinere. Das Ventil soll auf diese Weise verstopft werden. In einem nächsten Schritt wird Schlamm in das Bohrloch gepresst. Der Haken: Experten gehen davon aus, dass das Ventil bereits teilweise geschlossen ist und der Beschuss es auch weiter aufreißen könnte. "Bei jedem dieser Schritte müssen wir die Risiken abwägen, ob wir die Dinge schlimmer machen", sagt ein Ölbohrer. Das Unterfangen, auch "top kill" genannt, könnte erst Ende nächster Woche über die Bühne gehen.
"Plan E" ist die Installation eines ganz neuen Ventilsystems, um das Bohrloch zu verschließen. Es würde direkt oben auf das bisherige System - Blow-out-Preventer genannt - montiert, das bei dem Unfall im Golf von Mexiko versagt hat.
"Plan F" ist das Ansägen des Steigrohres, deutlich unterhalb der Stellen, an denen das Öl nun austritt. Das soll das Anschließen einer Leitung ermöglichen, durch die das Öl dann an die Oberfläche gelenkt werden könnte.
Für welche Varianten sich die Experten in den nächsten Tagen auch immer entscheiden werden: An der Umsetzung von "Plan G", einer endgültigen Versiegelung der Quelle, wird bereits gearbeitet. Nur: Das dauert seine Zeit, frühestens in zweieinhalb Monaten dürfte es so weit sein.
Parallel zum Bohrloch wird zurzeit eine zweite Leitung in die Tiefe gebohrt. Gut 4000 Meter unter dem Meeresboden soll sie die bestehende Leitung kreuzen, damit dann Schlamm und Zement zum Versiegeln hineingepresst werden können. Zur Sicherheit soll nächste Woche mit einer zweiten Bohrung begonnen werden. Es ist eine schwierige Präzisionsarbeit. Die bestehende Leitung hat in dieser Tiefe einen Durchmesser von weniger als 18 Zentimetern. Vermutlich sind mehrere Versuche notwendig.
Viele Varianten also - aber keine Garantien. Denn noch nie wurde auch nur eine dieser Methoden so tief im Meer angewendet. Noch vor kurzem hatten die Verantwortlichen der Ölindustrie die angebliche Sicherheit und Umweltverträglichkeit ihrer neuen Technologien gepriesen. "Drill, baby, drill", lautete der schrille politische Schlachtruf nach mehr Off-Shore-Bohrkonzessionen. Jetzt müssen die Experten kleinlaut einräumen, mit Gegenmitteln für einen Unfall in dieser Tiefe keinerlei Erfahrung zu haben. (dpa)
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