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Theaternacht

Mit dem Bus von Bühne zu Bühne

Von Ann Kristina Rönschen, 31.05.10, 07:03h

Nächtliche Schauspielkunst: Die Bonner Theaternacht begeisterte am Wochenende tausende Besucher. In allen Spielstätten der Stadt standen bis in die frühe Nacht Schauspieler auf den Bühnen, lasen, sangen, spielten, faszinierten die Theatergänger mit ihrer Kunst.

Odoroka-Theater
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Akteure des Odoroka-Theaters spielten an verschiedenen Orten Szenen aus "Don Juan". (Bild: Klodt)
Odoroka-Theater
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Akteure des Odoroka-Theaters spielten an verschiedenen Orten Szenen aus "Don Juan". (Bild: Klodt)
Zwei Gruppen sich fremder Mittvierziger sitzen in der Straßenbahn Linie 62, die gerade die Kennedybrücke überquert. Alle sind vertieft in das kleine Infoheft, das an diesem Abend noch oft zu sehen sein wird und das Antworten auf ihre Fragen liefern soll: „Bleiben wir den ganzen Abend in der Brotfabrik oder schaffen wir es für die nächste Vorstellung zurück in die Stadt?". „Wo fährt denn dieser Shuttlebus?". „Wir fangen mit Shakespeare an. Und Sie?", fragt eine Frau und beugt sich neugierig über den Gang zur Nachbargruppe. „Marabu Theater", antwortet einer der Männer.

Theater verbindet. Um die Verbundenheit und die Vielfalt der Theater zu zeigen, veranstalteten die Bonner Bühnen am Samstagabend die „Bonner Theaternacht". In allen Spielstätten der Stadt standen bis in die frühe Nacht Schauspieler auf den Bühnen, lasen, sangen, spielten, faszinierten die Theatergänger mit ihrer Kunst.

In der Brotfabrik sitzen die Zuschauer im Kreis auf Stühlen, Sesseln, Bierbänken. Drei junge Männer im Anzug sitzen auf Barhockern in der Mitte, plötzlich durchbrechen ihre lauten dröhnenden Stimmen das Geschnatter der Zuschauer. In Shakespeare-Englisch, so wie es sich für die Bonn University Shakespeare Company gehört, erklären die Männer ihren Schwur, enthaltsam zu leben und sich auf ihr Studium zu konzentrieren - für die nächsten drei Jahre. Schon in den nächsten drei Minuten wird dieser Vorsatz jedoch von drei kichernden Mädchen aus Frankreich auf die Probe gestellt, die die Standhaftigkeit der Männer strapazieren. So plötzlich, wie das Stück beginnt, ist es nach 20 Minuten auch vorbei. Anerkennender Applaus, und die Zuschauer verstreuen sich schnell in alle Richtungen.

Die Theaternacht, die Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch und Generalintendant Klaus Weise an der Halle Beuel eröffnet hatten, bedeutet Vielfalt und Fleißarbeit, das nächste Stück startet in kurzer Zeit. Dieses Mal hält der Shuttlebus in der Südstadt. Am Biergartenzaun des Cafés „Pathos" zappeln blaue Luftballons im Wind - das offizielle Zeichen, dass hier ein Stück Theaternacht zu finden ist. Im Keller wird man fündig: Das Theater „Die Pathologie" hat dort seit zehn Jahren ihr zu Hause. Thomas Dreier, Organisator des Ensembles, freut sich über jeden Zuschauer, der den Weg in das kleine Theater findet, das nur 25 Plätze bietet und deshalb so besonders ist. „Mit der Theaternacht können wir Leute ansprechen, die den Weg bisher nicht zu uns gefunden haben", sagt Dreier. Er trägt eine dunkelrote Samtjacke mit goldenen Stickereien, eine Nickelbrille auf der Nase und die Leidenschaft für das Theater im Herzen. In letzter Zeit, seit drastische finanzielle Kürzungen für freie Kulturträger von der Stadt angekündigt wurden, mischt sich mehr und mehr Sorge hinein: „Wir sind zwar nicht direkt betroffen", sagt Dreier, „aber diese Kürzungen würden einen Rattenschwanz hinter sich her ziehen. Je mehr Theater schließen müssten, desto mehr würden die Menschen das Interesse an Kultur verlieren. Das beträfe dann auch uns."

Noch ist der Andrang riesig: Im kleinen Theaterraum stehen schwarze Holzstühle in fünf Reihen - zu wenige. „Da hinten geht noch einer rein", meint Regisseur Christoph Pfeiffer in bayerischem Dialekt und greift sich, die Zigarette im Mund, einen Stuhl, um möglichst vielen Zuschauern die Möglichkeit zu bieten, die „Memoiren eines Trinkers" zu erleben. Der Techniker, der direkt und sichtbar neben den Zuschauern sitzt, dreht die Scheinwerfer etwas herunter, es wird sonst zu heiß. Trotzdem sieht das Publikum jede Schweißperle auf der Stirn unter dem Hut des Jack London, der einen Whiskey nach dem anderen in sich schüttet und seinem Laster und seiner Leidenschaft John Barleycorn, dem Alkohol persönlich, seine Beichte ablegt. Auch im intimen Theater in der Südstadt, in dem man jedes zuckende Bein und jedes Schmunzeln des Sitznachbarn spürt und hört, ist nach einer halben Stunde der Ausflug in eine andere Welt vorbei.

Während es draußen regnet und die Sonne schon untergegangen ist, entlassen Jack London und John Barleycorn ihre Zuschauer in die nächste Kneipe. Oder in das nächste Theaterhaus: Im Euro Theater Central in der Innenstadt knarrt der Boden unter dem roten Teppich im ersten Stock. „Leise sein!", fordert Gisela Pflugradt die Ankömmlinge auf. „Drinnen wird noch gespielt", sagt sie und zeigt auf den Fernseher, der die Vorstellung auf der Bühne in den Vorraum überträgt. Die Theaterdirektorin sitzt an einem kleinen runden Tisch, trinkt Rotwein und schwärmt von alten, vergangenen Zeiten. Das Euro Theater Central wird, wenn sie denn tatsächlich umgesetzt werden, mit am stärksten von den finanziellen Kürzungen betroffen sein. Die Schließung des Hauses ist dann kein Hirngespinst mehr. „Wir kämpfen trotzdem weiter", sagt Gisela Pflugradt entschlossen. „Es ist noch alles offen." Sie mischt sich unter die nun zahlreich Wartenden und sucht das Gespräch. Es liegt eine Liste aus, in der sich die Besucher eintragen können, wenn sie gegen die Kürzungen sind. Die Zeilen auf dem Papier füllen sich schnell.

Auf der Bühne beginnt die Vorstellung der „Kleingeister". Drei Männer, in Anzug und mit Seitenscheitel, mit langen Haaren und mit Ohrringen, tragen Gedichte, Prosa und Rap vor: Satirisch, komisch, ein bisschen tragisch, vor allem anziehend. Und während Lena Meyer-Landrut in Oslo den Grand Prix gewinnt, singen die drei Männer den Siegertitel „Satellite" - umgeschrieben zu einem „bräsigen Countrysong mit Jodeleinlage", wie sie es nennen.

So bunt wie „Der Kleingeist", experimentell wie „Die Pathologie" und vielfältig wie die „Brotfabrik", so schön, bunt und witzig wie Oper und Schauspiel, Pantheon, Ballsaal, das Theater Bitze und so weiter ist Bonns Theaterkultur. Ob dies auch in der Zukunft so bleiben wird, steht noch nicht fest.



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