Schriftgröße

Interview zur Einschulung

Schon mit fünf Jahren in die Schule?

Erstellt 17.05.10, 12:01h

Bei der Einschulung spielt die soziale Kompetenz eine größere Rolle als die schulische. Sind sich Eltern und Lehrer einig, dass das Kind soweit ist, spreche nichts gegen eine frühe Einschulung, meint Diplom-Psychologe Wilfried Griebel.

Schulranzen
Bild vergrößern
Einschulung mit fünf? Laut Experten durchaus eine gute Option. (Symbolbild: dpa)
Schulranzen
Bild verkleinern
Einschulung mit fünf? Laut Experten durchaus eine gute Option. (Symbolbild: dpa)
Psychologe Wilfried Griebel arbeitet am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Über verfrühte Einschulung sprach Anne Caroline Rück mit ihm.

Herr Griebel, wann sollte Ihrer Meinung nach ein Kind eingeschult werden?

Ein Kind sollte dann in die Schule kommen, wenn alle Beteiligten sich darüber einig sind, dass das Kind in die Schule gehen sollte. Das heißt: wenn das Kind in die Schule möchte und wenn Eltern, Erzieher und zukünftige Lehrer meinen, dass es das Richtige für das Kind ist.

Unabhängig vom Alter?

Ja, egal wie alt. Kinder lassen sich nicht in Normen zwingen. Die Einteilung in Altersstufen suggeriert, dass Gleichaltrige alle gleich sind. Das stimmt ja nicht. Auch Gleichaltrige entwickeln sich unterschiedlich. Und bringen ganz unterschiedliche Bedingungen mit. Schon allein das Geschlecht, ob sie Junge oder Mädchen sind. Oder ob das Kind einsprachig oder mehrsprachig aufgewachsen ist.

Was halten Sie dann von Schuleignungstests?

Diese Tests sind wahnsinnig unzuverlässig. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Vorhersage des Tests stimmt, liegt bei gerade mal 50 Prozent. Also, die sollte man endlich abschaffen. Aber zum Glück erkennen Schulen das immer mehr. Sie sehen ein, dass Kinder unterschiedlich sind, und tendieren auch dahin, alle Kinder unabhängig vom Alter aufzunehmen.

Zurzeit geht der Trend dahin, Kinder so früh wie möglich, also schon mit fünf Jahren, einzuschulen ...

Ja, das stimmt. Dieser Trend steht in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang: Je früher Kinder eingeschult werden, desto früher sind sie mit ihrer Ausbildung, also dem Studium oder der Lehre fertig. Und je früher sie in die Berufswelt einsteigen, desto bessere Chancen haben sie auch. Besonders im internationalen Vergleich. Das ist ja oft der Gedanke, der dahintersteckt. Wenn das Kind schon so weit ist, spricht auch nichts gegen eine Einschulung mit fünf.

Was genau meinen sie mit "wenn das Kind soweit ist"?

Wenn es die notwendigen sozialen Kompetenzen erlernt hat. Eltern neigen oft dazu, die kognitiven Kompetenzen ihres Kindes weit höher zu bewerten als die sozialen. Aber für die Schule ist es viel wichtiger, was das Kind an sozialer Kompetenz mitbringt. Zum Beispiel: Wie geht es mit Konflikten um? Eine Schulklasse ist ja eine komplett neu zusammengesetzte Gruppe. Jedes Kind muss erst mal seinen Platz in dieser Gruppe finden, und das geht nicht ohne Konflikte. Deshalb ist es wichtig zu schauen, wie geht das Kind damit um? Wie verhält es sich? Das können am besten die Erzieher abschätzen.

Aber wie wirkt sich eine frühe Einschulung auf die spätere Entwicklung des Kindes aus? Zum Beispiel in der Pubertät. Besteht da nicht die Gefahr, dass der 10-Jährige, dessen Klassenkameraden schon 13 sind, hinterherhinkt?

Das kann man nicht sagen. Die Pubertät ist ja nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Manche sind sehr früh pubertär, andere liegen da weit zurück. Das ist ein sehr großes Spannungsfeld. Auch unter Gleichaltrigen. Wenn man da eine homogene Gruppe schaffen wollte, müsste man immer wieder neu sortieren.

Und was ist mit den Kindern, die schon viel können? Deren soziale Kompetenz aber noch nicht ausreicht, um in die Schule zu gehen. Langweilen die sich nicht irgendwann im Kindergarten?

Langweilen? Vielleicht. Wenn man das Kind dort sich selbst überließe, würde man es auf jeden Fall entmutigen. Als Folge würde es wahrscheinlich einfach aufhören zu lernen. Und das auch erst mal in der Schule weiterführen. Deshalb ist es wichtig, die speziellen Interessen des Kindes aufzugreifen und das Kind auch im Kindergarten weiter zum Lernen zu animieren. Da müssen Eltern und Erzieherinnen an einem Strang ziehen.

Ist dieser Austausch zwischen allen Beteiligten eine idealisierte Form?

Natürlich ist das der Idealfall, den es aber durchaus gibt und den es in Zukunft immer mehr geben wird. Die Schulen können da viel von den Kindergärten lernen.

Inwiefern?

Na ja, erst mal in Sachen Altersmischung, im Kindergarten funktioniert die ja schon. Und auch die Einbindung der Eltern ist viel stärker gegeben. Die Schulen können sich da einiges abgucken. Sie müssen die Eltern auch stärker einbeziehen, einladen und mit ihnen sprechen. Schließlich ist der Wechsel vom Kindergarten auf die Grundschule auch für die Eltern ein Entwicklungsschritt. Und Eltern können eine ganze Menge falsch machen. Deshalb ist der Austausch zwischen allen Beteiligten so wichtig. Um auf jedes Kind individuell eingehen zu können und ihm so zu helfen. Das Kind lebt schließlich in Familie und Schule. Nur im Miteinander funktioniert es, und dann ist es egal, ob es fünf, sechs oder acht Jahre alt ist.



Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Anzeige


Anzeige


rundschau-schulfinder

Finden Sie die passende Schule für Ihr Kind

Stadt:
und
PLZ:
und / oder Schulform
Gymnasium
Hauptschule
Realschule
Gesamtschule


Rundschau live


Bildergalerien


Rundschau auf Facebook

Kölnische Rundschau on Facebook

Rundschau-Service


Rundschau-Service


Rundschau-Webbewerb


Serie


Bussgeldkatalog


Extra


Dienste