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Tierversuche

Leiden im Namen des Fortschritts

Von Yvonne Globert, 21.06.10, 12:02h

Die EU will die Zahl der Tierversuche verringern. Aus dem prinzipiell tierfreundlichen Ansinnen könnte jedoch ein Schritt zurück werden. Kritiker befürchten einen gegenteiligen Effekt. Ein Blick in das System.

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In der Forschung, sowohl wissenschaftlich als auch industriell, werden europaweit jährlich Versuche an zwölf Millionen Tieren durchgeführt. (Bild: dpa)
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In der Forschung, sowohl wissenschaftlich als auch industriell, werden europaweit jährlich Versuche an zwölf Millionen Tieren durchgeführt. (Bild: dpa)
Es klingt so sympathisch: Die EU wird zum Tierfreund. Zumindest im Fall von Menschenaffen, so legt der erste Blick auf eine neue "Richtlinie zum Schutz von Versuchstieren" nahe, sollen Experimente künftig absolut tabu sein. Was aber ist mit Hund, Katze und Maus? Keine Sorge: Auch an sie wird gedacht, im Prinzip. Denn auch das lässt sich in der neuen Richtlinie nachlesen: Die Zahl "aller" Tierversuche und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten sollen "auf ein Minimum" schrumpfen. Sagt die EU. Zumindest aber möchte sie, dass wir das glauben.

Denn tatsächlich wurde das Regelwerk binnen zwei Jahren kräftig durchgewalkt und bleibt weit hinter dem zurück, was es hätte leisten können: Dass Versuche an Menschenaffen bald der Vergangenheit angehören sollen, ist nur ein schwacher Trost: Denn Experimente mit Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas finden schon seit 1991 kaum noch in europäischen Laboren statt. Für alle übrigen Tiere und damit auch Affenarten gilt: Experimente sind weiter und fast ohne Einschränkung erlaubt.

Strengere Regelungen, so schätzen Experten, kommen mit dem neuen EU-Recht allein auf die osteuropäischen Länder zu, die in Sachen Tierschutz nahezu bei null anfangen. "Hierzulande aber bedeutet die neue Richtlinie in einigen Punkten einen Rückschritt", sagt der Biologe Manfred Liebsch von der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet), die in Berlin am Bundesinstitut für Risikobewertung angesiedelt ist.

Schwere Schmerzen sind erlaubt

Nur zwei Beispiele: Wollten Mitgliedstaaten Regelungen erlassen, die über das EU-Werk hinausgehen, indem sie beispielsweise alle Affenversuche verbieten würden, kassierte Europa die nationale Vorschrift wieder ein: Strengere Vorgaben, die in der Vorgängerversion noch zulässig waren, kommen der Gemeinschaft nicht mehr in die Tüte.

Auch extremen Versuchen, die einem Tier über einen längeren Zeitraum schwere Schmerzen zufügen, wollte die Gemeinschaft ursprünglich einen Riegel vorschieben. Nachdem wissenschaftliche Institutionen heftig intervenierten, verschwand der entsprechende Passus. Erlaubt sind solche Versuche noch immer. Die weichgespülte Version steht somit im krassen Widerspruch zu dem, was sie eigentlich erreichen will: die Zahl der Versuchstiere zu reduzieren. Schon jetzt werden europaweit jedes Jahr an mindestens zwölf Millionen Tieren Versuche durchgeführt. Tendenz steigend: Allein Deutschland zählte laut Bundeslandwirtschaftsministerium 2008 knapp 2,7 Millionen Versuchstiere; 1996 waren es noch rund 1,5 Millionen. Nahezu alle starben im Labor.

So oder so bleibt die Zahl von Experimenten enorm. Hochgetrieben hat sie vor allem die biomedizinische Grundlagenforschung: Mehr als jeder zweite Versuch kommt hier zum Einsatz. Mit in der Verantwortung sieht Liebsch auch die Fachjournale: Wer sich als Wissenschaftler einen Namen machen will, muss hier veröffentlichen. Und veröffentlicht, so der Biologe, werden nur Studien, in denen neue Hypothesen auch noch im Tiermodell belegt werden.

Datenbank fehlt

Viele Versuche wären nicht nötig, wenn Wissenschaftler ihre Untersuchungen an Tieren klarer dokumentierten. Bislang fehlt eine entsprechende Datenbank. Immerhin aber will die EU einen einheitlichen Belastungskatalog einführen, nach dem bewertet werden soll, ob ein Experiment einem Tier leichtere oder schwere und lang anhaltende Schmerzen zufügt.

Dabei zeigen einzelne Untersuchungen schon jetzt: Wenn es um medizinische Durchbrüche geht, werden Tierversuche offenbar überschätzt. Der schottische Neurologe Malcolm Macleod wertete jüngst 525 Studien aus, in denen Forscher an Nagern Schlaganfall vorbeugende Mittel getestet hatten. Von rund 500 Behandlungsmethoden, die beim Tier wirksam waren, schlugen letztlich nur zwei auch beim Menschen an.

Dass Tierversuche nicht das Maß aller Dinge sein müssen, beweisen zahlreiche Ersatzmethoden. Europaweit anerkannt ist etwa der so genannte Pyrogentest. Pyrogene sind Bestandteile von Bakterien; durch sie verunreinigte Injektionsstoffe können beim Menschen einen septischen Schock auslösen. Dank des neuen Tests lässt sich heute an menschlichem Spenderblut im Labor überprüfen ob eine Arznei eine Abwehrreaktion auslöst.



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