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Schulzeugnisse

Eltern sollten Noten gelassen nehmen

Von Alice Ahlers, 13.07.10, 17:45h, aktualisiert 14.07.10, 09:42h

Am Mittwoch ist Ferienbeginn - sicher ein schöner Tag für alle Schüler. Aber zuvor hagelt es erst einmal Zeugnisse. Das ist für viele Eltern ein Stressfaktor, denn der Druck für die Kinder in der Gesellschaft wächst. Wie reagieren?

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Bis zu den Zeugnissen in höheren Klassen ist es ein weiter Weg. Der Leistungsdruck beginnt für manche Kinder schon in der zweiten Klasse, wenn es zum ersten Mal Noten gibt. (Bild: dpa)
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Bis zu den Zeugnissen in höheren Klassen ist es ein weiter Weg. Der Leistungsdruck beginnt für manche Kinder schon in der zweiten Klasse, wenn es zum ersten Mal Noten gibt. (Bild: dpa)
Schon eine Drei kann ein Problem sein. „Der Notendruck beginnt bereits in der Grundschule“, sagt Bernd Kleinken vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln. Seit vielen Jahren betreut er dort das Zeugnistelefon. Meistens sind es die Eltern, die ihn anrufen. Und das immer früher. Schon wenn es in der zweiten Klasse das erste Mal Noten gibt, machen sich einige Sorgen, dass es ihr Kind nicht aufs Gymnasium schafft - wegen einer Drei in Deutsch oder Mathe. „Ganz schnell geht es dann um Schulwechsel“, sagt Kleinken. „Welche Grundschule hat die höchste Übergangsquote zum Gymnasium?“, wollen die Eltern wissen, denken häufig darüber nach, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken. „Da fehlt es an Gelassenheit. Das Kind muss doch auch erst mal ankommen, sich entwickeln können.“

Noten sind keine Urteile, sondern Hinweise

Gelassenheit fällt manchmal schwer: Der schwierige Arbeitsmarkt, höhere Anforderungen, eine komplexe globale Welt - da wollen Eltern nur das Beste für ihr Kind. Und Noten haben Macht. Gute öffnen Türen, machen selbstbewusst, ermöglichen Chancen, machen aus Menschen Ärzte oder Manager, doch schlechte nicht gleich Hartz-IV-Empfänger. Noten sind keine Urteile, sondern allenfalls Hinweise, meint Hans Brügelmann, Professor für Pädagogik und Didaktik an der Universität Siegen. „Sie sind wie ein Fieberthermometer. Man hat nur einen Indikator und muss dann genauer hinschauen: Wo liegt das Problem?“

Die 4, die 5, die nackte Zahl, man sieht ihr nicht an, was sonst noch geschah: Die Scheidung der Eltern, Konflikte mit den Klassenkameraden Prüfungsangst oder einfach die Pubertät. „Als »Du bist dumm« oder »Du bist faul« - darf keine Note verallgemeinert werden“, sagt der Pädagoge. Vielleicht gehört sie zu einem Schüler, der tolle Aufsätze schreibt, aber viele Rechtschreibfehler macht, zu einem guten Leser, der aber Probleme mit Grammatik hat. Ein hochbegabter Schüler kann schlecht sein, weil er sich unterfordert fühlt. Auch die Klasse, in der ein Schüler sitzt, spielt eine entscheidende Rolle, denn an ihr orientiert sich der Lehrer. „Zieht ein Schüler von einem Stadtteil in einen anderen, kann es sein, dass er schlechter wird, obwohl er derselbe geblieben ist“, sagt Brügelmann. „Die komplexe Leistung, die hinter einer Note steckt, verdunstet zu einem Kennwert, der allenfalls hilft, Kinder zu sortieren.“

Doch keine Frage: Noten werden immer wichtiger - vor allem den Eltern. Nie zuvor gaben sie so viel Geld für die Nachhilfe ihrer Kinder aus. 1,5 Millionen Euro sind es laut Schätzungen der Bertelsmann-Stiftung. 1,1 Millionen Schüler gehen regelmäßig zum zusätzlichen Unterricht. Manchmal nicht, weil es um die Versetzung geht, sondern auch immer öfter, um auf eine Drei oder Zwei zu kommen.

Dabei sind Noten äußerst relativ. „Sie sind weder objektiv noch vergleichbar“, sagt Hans Brügelmann. Empirische Studien, die er an der Universität Siegen ausgewertet hat, ergaben, dass sie von vielen Dingen abhängen, die erst mal gar nichts mit dem Schüler zu tun haben. Legte man etwa dieselbe Klassenarbeit verschiedenen Lehrern vor, kamen ganz unterschiedliche Bewertungen dabei heraus. Die Zensuren variierten auf einer Skala von Eins bis Fünf - und das nicht nur beim Deutschaufsatz, sondern auch in Mathematik, je nachdem, was der Lehrer für Maßstäbe an die Bewertung setzte. Hat er besonders hohe Ansprüche? Arbeitet er in einem Stadtteil mit ungünstigen oder günstigen Bedingungen, guckt er nur aufs Ergebnis oder bewertet er den Lösungsweg mit? Legte man Lehrern darüber hinaus eine Arbeit zusammen mit einem Schülerporträt vor - Junge oder Mädchen, Migrant oder Deutscher, Oberschicht oder Unterschicht - kam es ebenfalls zu Verzerrungen.

Heidemarie Brosche, Lehrerin und Mutter, hat sich selbst zunächst ein bisschen verrückt gemacht, als ihre Söhne in der Schule plötzlich abfielen. „Das kratzt auch am eigenen Selbstbewusstsein“, sagt sie. Da kommen die Nachbarn, die Bekannten erzählen von ihren erfolgreichen Kindern, sonnen sich selbst auch ein bisschen in deren Ruhm - man vergleicht sich mit den anderen und fragt sich: Was habe ich bloß falsch gemacht? Doch auf diesen Wettbewerb hatte sie keine Lust mehr. All das Schieben und Treten, die Streitereien um die Schule könnten Familien schließlich auch zermürben. Sie schrieb nicht nur ein Buch mit dem Titel: „Warum es nicht schlimm ist, in der Schule schlecht zu sein“, sondern trimmte sich selbst auf mehr Gelassenheit. „Ein Kind zu lieben, das immer erfolgreich ist, das ist ja einfach“, sagt sie sich selber. „Ein Kind zu unterstützen, das in einer Krise steckt, das ist die wahre Kunst.“ „Was tut meinem Kind jetzt gut?“, fragte sie sich. Sie rät dazu, nicht ständig über das Schulproblem zu sprechen, Situationen zu schaffen, in denen man gemeinsam entspannt lacht. Auch auf die Stärken zu schauen, statt nur auf die Schwachpunkte. Räume schaffen, in denen es mal nicht um Noten geht. Fußball spielen, der Oma im Garten helfen, die eigene Homepage gestalten, Capoeira - irgendetwas suchen, wofür das Kind brennen kann. Denn besser, irgendwo lodert ein Feuer, als gar keins mehr. „Jedes Kind ist mehr als nur ein Schüler“, sagt Heidemarie Brosche. „Manchmal ist jemand hilfreicher, der ein Fahrrad reparieren kann als einer, der die ganze Zeit rumphilosophiert.“

Schüler spüren ziemlich genau: Noten bringen Anerkennung. Gute lassen Papa das Portemonnaie zücken, Mama lächelt stolz und Oma erzählt es gleich den Nachbarn. Schlechte vermasseln die Ferien, bringen Nachhilfe statt Freizeit, weniger Fernsehen, weniger Computer, weniger Freunde treffen. „Kinder müssen merken: Meine Eltern mögen mich, unabhängig davon, wie meine Leistung ist. Ich bin ihnen als Person wichtig“, sagt Brügelmann. Sie sollten nicht Richter oder Gegner sein, sondern Helfer und Unterstützer. Wird das Schulterklopfen und der Schein für die gute Leistung zum Liebesbeweis, ist das für ein Kind ohne Erfolgserlebnisse noch zusätzlich frustrierend. „Das ist eine Ausübung von Macht, die sogar bei guten Schülern fatal ist“, sagt Hans Brügelmann. Denn Studien zeigen, dass selbst Schüler mit guten Noten und Lust auf Leistung die Motivation verlieren, wenn sie dafür zu stark belohnt werden. Zu sehr spüren sie dann die Abhängigkeit. Ihnen fehlt die intrinsische Motivation. So nennen es Wissenschaftler, wenn der Antrieb etwas zu tun, statt von außen aus einem selbst heraus kommt.

Ein schlechter Schüler muss kein schlechter bleiben. Eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) ergab, dass sogar Sitzenbleiber sich nach ihrer Ehrenrunde oft besser entwickeln als Klassenkameraden, die immer versetzt wurden.



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