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Gay Games

Die Lust an der Vielfalt

Von Werner Grosch, 29.07.10, 09:47h, aktualisiert 29.07.10, 21:54h

Es sind die Olympischen Spiele der Schwulen und Lesben. Und es gibt eine klare Botschaft: Mehr Toleranz gegenüber Homosexualität in der Gesellschaft. Die achten internationalen „Gay Games“ starten am Wochenende in Köln.

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Am Wochenende starten in Köln die achten internationalen "Gay Games". (Bild: dpa)
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Am Wochenende starten in Köln die achten internationalen "Gay Games". (Bild: dpa)
Köln - Kalli kann das mit der Kölner Toleranz nicht mehr hören. Erstens sieht Kalli persönlich gar keine Notwendigkeit für Toleranz, weil er ja einfach nur schwul ist und nicht etwa nachts laute Musik macht oder sonstwie nervt. Zweitens hält er den Kölner an sich nicht für tolerant, sondern für gleichgültig. Beides kann aber wohl zu ähnlichen Ergebnissen führen.

Stephan Grünewald attestiert den Kölnern die Grundeigenschaft der „teilnahmslosen Wohlgefälligkeit“, die sie aber selbst gerne „als vorbildliche Toleranz glorifizieren“. Das klingt, wie von einem Psychologen zu erwarten, wissenschaftlicher als bei Kalli an der Theke. Aber inhaltlich nah dran.

Für das Klischee vom toleranten, weltoffenen Köln gilt, was für Klischees oft gilt: ein bisschen wahr, ein bisschen unwahr. Der Anteil Homosexueller an der Gesamtbevölkerung jedenfalls ist nirgends in Deutschland so hoch wie hier (siehe „Fakten“). Das verdankt Köln zum einen der simplen Tatsache, dass es eine Großstadt ist: Neben Berlin gelten auch München und Hamburg als „Hochburgen“, und da haben wir die vier größten deutschen Städte zusammen. Warum Köln als Nummer vier nach der Einwohnerzahl beim Homosexuellen-Anteil Nummer eins ist, erklärt sich vielleicht mit dem zweiten Charakterzug, den Psychologe Grünewald den Kölnern attestiert: „naiv-fröhliche Freude an der schrägen und bunten Vielfalt der Welt“. Jede Jeck is eben anders.

Köln hat deshalb schon früh Menschen mit dem stillen Versprechen angezogen, ihr Leben hier so leben zu können, wie sie wollen. Vor allem Schwule finden sich in der Persönlichkeit der Stadt wieder. „Das Fröhliche, Offene, das Aufeinander-zu-Gehen, das verbindet uns“, sagt Marco Malavasi, der selbst lange in Berlin gelebt hat. Malavasi ist Kölner Vorstandsmitglied beim Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). Wenn einer von Köln als Schwulenparadies redet, regt ihn das dennoch auf. „Nein, es ist kein Paradies. Aber die Stadt ist Vorreiterin auf allen Ebenen und in vielem einzigartig.“

Einzigartig worin? „Zum Beispiel in der Kommunalpolitik. Der Rat hat die Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender eingerichtet, in der Initiativen mit Verwaltung und Ratsfraktionen zusammenarbeiten. Wir können sogar Sachkundige Einwohner in die Ratsausschüsse entsenden.“ Die Arbeitsgemeinschaft kümmert sich unter anderem um Gleichstellung in der Arbeitswelt, Aufklärung in Schulen und Schutz vor Gewalt. Denn es ist nicht so, dass es nirgends in Köln mehr Ressentiments und auch tiefe Angst vor dem Offenbaren der sexuellen Identität gäbe. „Der schwule Junge, der um sein Coming out ringt, fühlt sich in Chorweiler genau so allein wie im Sauerland“, sagt Malavasi. Deshalb wirbt er auch unter den eigenen Kollegen darum, mit Aktionen in die Fläche zu gehen: „Das Abfeiern darf nicht überhand nehmen, damit die eigentliche Arbeit nicht vergessen wird. Wir müssen die urbane Schutzhülle verlassen.“

Die Neigung, den „Hochburg“-Status zu feiern und mit ihm zu werben, ist in den vergangenen Jahren massiv gewachsen. Kölntourismus informiert gezielt über spezielle Angebote für Homosexuelle, die „WelcomeCard“ für Touristen gibt es in einer „Pink“-Version mit schwulen-spezifischen Rabatten. Die richten sich nicht von ungefähr eindeutig an Männer. Denn die Stadt hat Schwule als Wirtschaftsfaktor entdeckt. Sie gelten - pauschalisiert - als überdurchschnittlich karriere- und konsumorientiert. Warum das bei Lesben anders sein soll, ist die Frage. Aber es scheint so. Karin, seit 20 Jahren in der Kölner Szene unterwegs, sagt: „Die Schwulen-Kneipen laufen wie blöde. Die Lesben-Kneipen machen alle nach zwei Monaten wieder zu.“

Der Eindruck bunter Vielfalt wird vor allem von den Schwulen geprägt. Nicht ohne Grund sind auch Kölner Unternehmen vorne dabei, das Potenzial der Andersartigkeit abzuschöpfen. Der Kölner Firmenberater Michael Stuber hat auf diese Vielfaltsstrategie ein eigenes Unternehmen aufgebaut. Bei Ford gibt es seit 1996 eine Gruppe, in der homo- und bisexuelle Mitarbeiter organisiert sind. Sie werden vom Management stark gefördert. Und sie haben einen eigenen Wagen beim CSD.

Womit wir wieder beim Feiern wären. Denn da hat die Kölner Seele doch unbedingt eine Spezialität. Marco Malavasi fällt dazu ein ironisches Bekenntnis ein, das vielleicht mehr sagt als jede soziologische Studie: „Was die Kölner und die Schwulen verbindet, ist auch der Hang zum Verkleiden. Und auch der Hang, sich selbst ziemlich gut zu finden.“



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