Von Guido Wagner, 30.07.10, 07:06h
„Das keuchende Dampfross hat soeben zum ersten Male offiziell die neue Strecke befahren und damit ist gelöst das fesselnde Band“, gab Overaths Bürgermeister Christian Simons seiner Freude Ausdruck. Vier Jahre mühseliger Bauarbeiten und ingenieurtechnischer Meisterleistungen insbesondere beim Bau des 1086,64 Meter langen Tunnels, der hohen Zufahrtsdämme und des fünfbogigen Viaduktes von Bombach waren gemeistert - und die mehr als zweistündige Fahrzeit auf der alten Bahnstrecke über Siegburg nach Köln gehörte endgültig der Vergangenheit an. Auf der neuen Direktverbindung gelangte man ab sofort in nicht mal einer halben Stunde in die Rheinmetropole. Als „Merkstein im Wirtschaftsleben des Volkes“ würdigte denn auch der Bürgermeister aus dem Aggertal die Streckeneröffnung. Die wurde vor 100 Jahren natürlich auf beiden Seiten des Tunnels gefeiert. Schließlich bot die neue Direktverbindung über Heumar nach Köln auch für die Menschen im Sülztal, die bislang per Eisenbahn nur über Bergisch Gladbach zum Rhein fahren konnten, eine große Erleichterung. Zudem hoffte man in der Gemeinde Rösrath und speziell im „Luftkurort Hoffnungsthal“ auf steigende Zahlen von Ausflüglern aus der Domstadt.
Für den Empfang des Eröffnungszuges in Overath waren daher nach Fahrplan genau 52 Minuten eingeplant, danach fuhr der Festzug mit den Honoratioren zur Feier ins Nachbartal, wie Eberhardt Dommer vom Overather Heimat- und Bürgerverein für ein im Herbst erscheinendes Buch des Geschichtsvereins Rösrath herausgefunden hat.
Die Festgäste musste man nicht lange locken. Denn erstens konnten sie auf diese Weise noch einmal die knapp zweiminütige Fahrt durch den „Schoß der Erde“ erleben, und zweitens wartete im Augusta-Saal von Hoffnungsthal das Mittagessen. Bevor der Zug allerdings die Rückfahrt antrat, gab Overaths Bürgermeister Simons den Ehrengästen mit, dass die Wünsche mit der neuen Bahn nur „zum Teil“ erfüllt seien. Der „berechtigte Kardinalwunsch“ bleibe „nach wie vor eine Vollbahn“ über das Oberbergische hinaus nach Kassel und „Mitteldeutschland“. Die Honoratioren, darunter der Kölner Eisenbahndirektionspräsident und Oberregierungsräte, mögens wohlwollend zur Kenntnis genommen haben - gekommen ist diese Verkehrsverbindung nie.
Auch in Hoffnungsthal wurde die Festgesellschaft auf dem Bahnhof vom Bürgermeister empfangen und mit Musikkapelle zum Augusta-Saal gegenüber der Schule geleitet. „Musikvorträge und Reden würzten das Mahl“, heißt es in einem Zeitungsbericht von damals. In der Tat war eigens ein Heft mit Tafelliedern für die Festveranstaltung gedruckt worden, die inklusive Ordensverleihung und Lobesreden beachtliche 370 Minuten, also mehr als sechs Stunden dauerte. Langweilig scheint das den wenigsten geworden zu sein. Jedenfalls ist von begeisterten Festgästen die Rede, die auch froh über die neue Verbindung zwischen Sülz- und Aggertal waren. Zur Melodie von „An des Rheines kühlem Strande“ schmetterten sie den eigens gedichteten Festtext: „Von der Agger grünen Höhen zu der Sülze klarem Strand, schnell sich jetzt die Freunde finden, leicht sich neue Bande binden, seit den Berg man überwand.“
Man darf gespannt sein, welche Lieder die Festgäste bei den Feiern am kommenden Wochenende diesseits und jenseits des 100 Jahre alten Tunnels anstimmen werden . . .
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