Von Melanie Nicolai, 31.07.10, 07:00h
Sofort kauften die Pflegeeltern eine Box und machten sich schlau. Sechsmal pro Tag hieß es dann füttern. Anfangs steckten die sie einen Finger, der den Kopf der Vogelmutter imitiert, in den Schnabel der Kleinen. „Das Futter haben wir dann mit der Pinzette am Finger vorbeigeschoben. Anders ging es nicht“, erzählt Weßler. Auch als die beiden, die in Blatzheim aufwuchsen und jüngst nach Düren gezogen sind, in ihrem Heimatort auf einer Hochzeitsfeier waren, verließen sie die Party alle drei Stunden, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. „Das ist wie Kleinkinder großzuziehen, nur, dass wir kein Kindergeld bekommen“, sagt Horst während seine Freundin erleichtert hinterherschickt: „Aber nachts schlafen sie.“
Kleine Vögel mit großem HungerNach fünf Tagen brachten die nun rund 30 Tage alten Vögel statt 27 Gramm bereits 38 Gramm auf die Waage. Jetzt stagniert das Gewicht, und es müssen größere Heimchen als Nahrung her. „Das sind teilweise richtige Brocken, die sie herunterschlingen.“ Rund 120 Heimchen verdrücken die Vögel am Tag. Box, Pinzette und Futter haben so schon 60 Euro gekostet. Glücklicherweise steckten Verwandte dem Paar etwas Geld zu. Ins Tierheim wollten die 24 Jahre alte Referendarin und der angehende Student (25) die Vögel aber nicht geben. „Die haben zu viele Tiere und können sich nicht rund um die Uhr um sie kümmern. Außerdem bekommen die Vögel dort nur Katzenfutter“, sagt Weßler. Die Tierheime müssten auf dieses Futter zurückgreifen, weil die Heimchen zu teuer seien. Ein Diplom-Biologe von der Biostation Nideggen hatte jedoch erläutert, dass das Katzenfutter für die Vögel auch schädlich sein könne. „Da kann es zum Beispiel zu Skelettverformungen kommen“, weiß Weßler.
Nun wartet das Paar darauf, dass die Findelkinder flügge werden. Noch haben sie allerdings arge Höhenangst. „Wenn man sie auf die Hand setzt, krallen sie sich fest und laufen rückwärts, um von der Kante wegzukommen“, erzählt Weßler. Bis zum großen Tag des Abflugs müssen „Freddy“ und „Luise“ noch ein wenig zunehmen, ein paar Muskeln aufbauen und aktiver werden. „Wenn sie mit den Flügeln schlagen, ist das ein Zeichen dafür, dass sie raus wollen“, erläutert Weßler. Auch sollten die Jungvögel dann rund 16 bis 17 Zentimeter groß sein und die Flügel dreieinhalb Zentimeter über den Schwanz hervorstehen. Ganz wichtig ist jedoch, dass die an Plastikröhrchen erinnernden Federspulen, aus denen die Schwungfedern wachsen, ganz verschwinden. Erst dann sind die Vögel flugbereit.
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