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Interview mit Kreisdechant

„Mutiger in die Zukunft sehen“

Erstellt 31.07.10, 07:06h

Seit einem Jahr ist Kreisdechant Norbert Hörter im Amt. Über seine Erfahrungen zwischen Diaspora und Katholikenhochburgen, Vertrauensverlust und Hoffnungen sprach er mit Guido Wagner. Die Vielfalt des Kreises macht für ihn dessen besonderen Charme aus.

Kreisdechant Norbert Hörter
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Über Schmutz in der Kirche und Heimat spricht Kreisdechant Norbert Hörter. (Foto: Daub)
Kreisdechant Norbert Hörter
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Über Schmutz in der Kirche und Heimat spricht Kreisdechant Norbert Hörter. (Foto: Daub)

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie wollten zunächst vor allem auch zu den Gläubigen in den Gemeinden hinausfahren, Ihr Kreisdekanat im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“, um es kennen zu lernen. Was haben Sie erfahren?

Leider bin ich noch lange nicht überall gewesen, wo ich hinwollte. Ich bin auch heute noch ein Hörender und Schauender in den Gemeinden. Und das wird auch mindestens noch bis zum Ende dieses Jahres so bleiben. In jedem Fall aber zeichnet sich das Kreisdekanat durch eine große Vielfalt aus: von der Diaspora im Norden über eine sehr heterogene Zusammensetzung in der Mitte, in Bergisch Gladbach, bis hin zu stärker katholisch-ländlich geprägten Regionen in Kürten, Overath und Rösrath. Diese Vielfalt macht auch den Charme des Kreisdekanates aus: Im Vergleich zu anderen Regionen, auch in unserem Erzbistum, gibt es in Rhein-Berg ein sehr hohes Potenzial an Ehrenamtlichkeit, gerade auch wegen dieser Verbundenheit mit dem eigenen Ort.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit im Kreisdekanat?

Ich komme eher aus einem städtischen Umfeld und habe jetzt in den ländlichen Regionen gelernt, dass nicht unbedingt alle auf ein gemeinsames Zentrum ausgerichtet sein müssen. Das ist einerseits Ausdruck einer Heimat in der einzelnen Gemeinde vor Ort, die einem wertvoll ist, aber es macht es andererseits auch etwas schwieriger zu sehen: Wo sind denn die Dinge, die wir gemeinsam machen können? Wir entwickeln dazu zurzeit mit den Leitenden Pfarrern einige Ideen und ich bin froh, dass ich ein Jahr lang Zeit hatte, das Kreisdekanat zumindest zu einem guten Teil kennen zu lernen.

Was sind Gemeinschaftserfahrungen für alle Katholiken im Kreis?

Der Neujahrsempfang oder die neue Familienwallfahrt am Samstag vor dem ersten Advent sind gute Gelegenheiten, um Begegnung aller im Kreisdekanat zu ermöglichen. Andererseits entwickeln wir gerade ein Angebot der Erwachsenenbildung, das ganz speziell auf ein Dekanat, nämlich für die Orte in Overath und Rösrath, zugeschnitten ist. Die Mischung von zentralen und dezentralen Angeboten ist wichtig. Auch um Orientierung zu bieten.

Ist das eine besondere Herausforderung?

Ja, gerade in der Debatte um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter erwarten die Menschen, dass wir als Kirchenvertreter ganz klar Position beziehen.

Was versuchen Sie dabei zu vermitteln?

Dass Kirche bei all dem, was da an Schmutz jetzt in der Kirche ist, wie das der Papst ja auch gesagt hat, trotzdem auch Heimat sein kann, um die Fragen des Lebens zu beantworten. Man muss den Menschen Mut zusprechen, sich auch den Diskussionen am Arbeitsplatz und im Freundeskreis, in der Familie zu stellen.

Viele wollen aber nicht mehr stark sein, sondern kehren der Kirche den Rücken.

Das stimmt. Auch wenn die Missbrauchsfälle oftmals nur den letzten Tropfen bilden, der das Fass zum überlaufen bringt und die Leute aus der Kirche austreten lässt. Jeder, der der Kirche den Rücken kehrt, tut uns weh.

Was tun Sie, um verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen?

Wir müssen uns dem Thema Missbrauch innerhalb der Kirche schonungslos stellen. Denn die schlimmsten Angriffe gegen die Kirche - das hat ja auch der Papst gesagt - die kommen nicht von außen, sondern von innen, von denen, die wirklich das Vertrauen der Menschen missbraucht haben. Wir müssen den Menschen in der alltäglichen Seelsorge vermitteln: So wie du bist, bist du angenommen. Du als Mensch darfst da sein. Menschen gewinnen da Vertrauen zurück, wo sie auf Menschen treffen, von denen sie sich angenommen fühlen. Das heißt nicht, dass wir sagen: Alles ist toll. In unseren zahlreichen Angeboten von der Offenen Jugendarbeit bis zu Altenpflege gibt es natürlich auch Regeln, aber es gibt nie die Anforderung: Du musst dich verändern, damit du da sein darfst.

Wo sehen Sie künftig Ihre wichtigsten Aufgaben?

Ich möchte Begegnungen schaffen, habe den Zusammenhalt der Kirche in Rhein-Berg zu optimieren und werde mich dafür engagieren, Kirche im Rheinisch-Bergischen Kreis präsent zu halten. Wir sind ja keine apolitische Gruppe, sondern haben etwas zu sagen und mischen uns ein, reden mit.

Wo ist es Ihnen wichtig, die Stimme zu erheben?

Beispielsweise in der aktuellen Diskussion, wo die Kommunen noch Geld einsparen können. Wir wissen auch, dass nicht alles, was wünschenswert ist, sich auch finanzieren lässt. Aber uns ist es wichtig, dass nicht immer vor allem bei denen gespart wird, die ohnehin am Rand stehen und vielleicht keine Lobby haben. Durch Kürzungen an diesen Stellen verschärft man die Kluft zwischen Wohlhabenden und Ärmeren und richtet große Schäden innerhalb der Gesellschaft an. Nicht alles muss man immer mit einem großen Paukenschlag öffentlich machen und sich mit Plakaten auf den Marktplatz stellen.

Sondern?

Was uns hier im Rheinisch-Bergischen Kreis auszeichnet, ist, dass man im Gespräch miteinander ist. Und das meine ich nicht nur auf die Konfessionen untereinander bezogen, sondern auch auf Gespräche zwischen Kirche, Politik, Vereinen und Verbänden.

Wie hoffen Sie, werden die Katholiken in Rhein-Berg in zehn Jahren leben?

Ich wünsche mir, dass wir noch mehr österlich in die Zukunft sehen. Mit Mut und der festen Gewissheit: Eigentlich kann uns nichts passieren. Aus einem Glauben zu leben, der einen froh macht, überzeugt auch andere. Mir ist es wichtig, mutig selber Zukunft zu gestalten.



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