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Interview mit Andreas Blühm

„Schon als Zwölfjähriger mit Parteibutton“

Erstellt 30.07.10, 22:19h

Das Naheliegende bleibt ausgespart beim „anderen Gespräch“. Kunst war also tabu, als Bernd Imgrund und Andreas Blühm, der Chef des Kölner Wallraf-Richartz-Museums beisammensaßen. Stattdessen berichtete Blühm über Kinder und seine eigene Jugend in Bremen.

Köln -

Herr Blühm, worüber wollen wir sprechen?

Tja, was interessiert denn die Leser?

Das Abseitige des Wallraf-Direktors? Sein schräges Hobby? Seine existenziellen politischen Anliegen?

Ach, ich bin langweilig.

Langeweile - ein sehr schwieriges Thema. Was macht denn der „langweilige“ Herr Blühm, wenn er von der Arbeit kommt?

Dann spielt er mit seinem anderthalbjährigen Sohn.

Reden wir also über Kinder und Kindheit, einverstanden?

Gut, und soll ich Ihnen sagen, was mir gerade überhaupt nicht schmeckt in Köln?

Klar.

Dass die Kitas gezwungen werden, die Eltern zu zwingen, volle 45 Wochenstunden für die Betreuung ihres Kindes zu buchen. Da würde ich mir mehr Flexibilität wünschen, zumal durch dieses System anderen womöglich ein Kita-Platz vorenthalten bleibt.

Ist das ein Kölner Problem?

Jedenfalls ist es offenbar außerordentlich schwierig, einen Platz zu bekommen. Und wenn man das ordentlich organisieren würde, müsste es eigentlich einfacher funktionieren.

Deshalb werden viele Kitas privat organisiert.

Genau wie unsere, wobei die nun in eine städtische umgewandelt wird. Und das führt zu dem 45-Stunden-Problem.

Empfinden Sie Köln als kinderfreundlich?

Den Eindruck habe ich schon, ja. Dafür spricht allein schon die Anzahl an Spielplätzen.

Die Kölner sind Ihnen als Hanseat nicht zu aufdringlich?

(lacht) Nein, im Gegenteil. Auch nach jetzt mittlerweile fünf Jahren fühle ich mich im Kölner Milieu sehr wohl. Ich glaube, andersherum ist das viel schwieriger.

Was könnte für einen Rheinländer im Norden problematisch sein?

Zunächst mal würde ich ihm empfehlen, sich nicht als Kölner zu outen - wegen des Fußballs. Der FC wird in Bremen doch eher belächelt.

Immerhin fungiert mit Matthias Hönerbach ein Ur-Kölner als Co-Trainer von Werder.

Ja, und Tim Wiese war mal bei der Fortuna. Wobei ich sagen muss: Die Stimmung im Kölner Stadion ist unglaublich, da können die im Norden noch was lernen. In Bremen habe ich bittere Zeiten mitbekommen - inklusive eines Abstiegs. . .

. . .und einem verschossenen Elfer, der die Meisterschaft kostete.

Oh Gott, ja! Michael Kutzop 1986 gegen die Bayern. Da war ich im Stadion. Und auch als der Siegmann dem Ewald Lienen das Bein aufgeschlitzt hat.

Lienen war Sozialist, der hat seine Kinder bestimmt sehr frei erzogen.

Der hatte wohl Sympathien für die DKP. Aber heute weiß man ja gar nicht mehr, was links und rechts ist. Siehe Hamburg, wo die CDU die Einheitsvolksschule einführen wollte.

Wie war das in Ihrer Schulzeit?

Unsere Lehrer waren damals durch die Bank von Berufsverboten bedroht. Ich habe wahrscheinlich mehr Karl Marx lesen müssen als meine ostdeutsche Verwandtschaft.

Lernt man von Marx etwas über Kindererziehung?

Ich denke, am prägendsten ist doch die eigene Erziehung durch die Eltern. Ich bin Post-68er und habe von den Freiheiten profitiert, die mein Bruder erkämpft hat.

Im Moment schimpfen alle auf 68.

Da schließe ich mich aber nicht an! Ich habe in der Schule Texte gelesen wie „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ von Engels. Und in Mathematik haben wir etwas über Raketenballistik gelernt. (lacht)

Was lesen Sie Ihrem Sohn vor?

Na, der ist noch ein bisschen klein. Aber wir haben zum Beispiel ein Buch namens „Kölsch för et Ströppche“. Das ist für den Lütten insofern kompliziert, als ich Norddeutscher bin und meine Frau Holländerin ist. Der wächst zweisprachig auf, und Kölsch liegt da genau in der Mitte.

Werden Sie selbst mal ein Kinderbuch schreiben?

Nein, um Himmels willen, das können andere besser. Es gibt leider viele Kinderbücher zur Kunst, die ganz schrecklich sind.

Sie haben elf Jahre in Amsterdam gearbeitet. Wachsen Kinder dort besser auf?

Verkehrstechnisch finde ich es da deutlich härter, aggressiver als in Köln. Was wir übernommen haben: Unser Kind sitzt vorn auf dem Fahrrad, ohne Helm. Anders als in Holland wird man da in Köln doch schon mal schief angesehen.

Dabei sind die Holländer doch alle Protestanten.

Überraschenderweise stimmt das gar nicht, in Holland leben mehr Katholiken als Protestanten. Aber die protestantische Ethik dominiert, das ist klar. Es gibt sogar einige religiöse Extremisten, die das WM-Endspiel nicht sehen konnten, weil sie sich den Fernseher am Sonntag verbieten.

Was sagt die protestantische Ethik zur Kindererziehung?

Mein Urgroßvater war pommerscher Preuße zu jener Zeit, als Bismarck die Sozialistengesetze erließ, aber auch die Krankenversicherung einführte. Und dieser Urgroßvater soll dazu gesagt haben: Wenn ich krank bin und nicht arbeiten kann, warum soll ich dann Geld bekommen?

Wahrlich ein Protestant!

In Holland ist der Mutterschutz schon nach drei Monaten vorbei. Aber dafür gibt es dort viel mehr Teilzeitarbeitsplätze als bei uns.

Ihr Kind wird in Nippes aufwachsen. Sind Sie selbst auch ein Stadtkind?

Ja, und ich fand es toll. Die Stadt, das bedeutet Abenteuer, Eroberungen, unendliche Spielmöglichkeiten.

Bremen in den späten 60ern und frühen 70ern: Wie war das?

Vor allem war es eine äußerst politische Zeit. Wir liefen schon als Zwölfjährige mit Parteibuttons herum, und die Jusos waren rechtsaußen, weil es mindestens fünf kommunistische Gruppen gab. Es war eine lebendige Schulzeit. Als ich zum Studieren nach Tübingen kam, war da zu meiner Überraschung in politischer Hinsicht überhaupt nichts los.

War es schwierig für Sie, Bremen zu verlassen?

Bremen war für uns der Mittelpunkt der Welt, das ist klar.

Lesen Sie gern die Bücher von Sven Regener, dem Bremer Autor und Sänger der Band Element of Crime?

Ich habe „Neue Vahr Süd“ gelesen und viel wiedererkannt. Der Regener ist zwei Jahre jünger als ich, die Lokale, die der erwähnt, kenne ich alle, und beim Bund war ich auch! Für mich war das quasi ein Heimatroman.

Ist die Neue Vahr Süd so etwas wie Chorweiler?

Nicht ganz. Das war ein Neubaugebiet, aber kein sozialer Brennpunkt.

Mit welchem Kölner Viertel könnte man Ihren Stadtteil vergleichen?

Ich komme aus Schwachhausen, da lachen immer alle. Das kann man, denke ich, am ehesten mit Klettenberg vergleichen. Bremen ist ja um einiges kleiner als Köln, da erreicht man alles schneller. Wir wohnten direkt über der Altstadt, wo sich alles Leben abspielte.

Wie ausgeprägt ist Ihre Heimatliebe heutzutage?

Wie Sie merken, bin ich bekennender Bremer. Aber weil ich schon ein paar Jahre weg bin, beschränkt sich mein Patriotismus letztlich auf Fußball.



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