Von Klaus Heuschötter, 01.08.10, 21:45h
Rückblick: Schon am Vorabend der Parade waren 50 Freiwillige des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Rhein-Sieg-Kreis mit elf Fahrzeugen nach Duisburg gefahren. „Am Samstag sind wir um 5.30 Uhr aufgestanden, gegen 8 Uhr haben wir unsere Unfallhilfsstelle aufgebaut“, berichtet Rettungsassistent Thomas Becker (26) aus Lohmar. Keine 400 Meter entfernt kam es später zur Katastrophe. Die Rotkreuzler aus dem Kreis waren in Sichtweite zum Tunneleingang stationiert und daher als erste Retter bei den Verletzten.
Zusammenhalt hilft bei Verarbeitung des Erlebten
Den ganzen Tag über hatte man bereits viel zu tun. Die 38 Betten in den fünf Zelten der Hilfsstelle waren nahezu immer belegt: Schnittwunden, Krämpfe, Kreislaufprobleme, jemand war von einem Ampelmast gefallen - „mehr oder weniger das Normale“ bei solchen Massenveranstaltungen. Um 17 Uhr lief dann eine unklare Meldung über zwei bis drei Verletzte auf. Mrosek, seit 40 Jahren beim Roten Kreuz, ahnte instinktiv Schlimmeres. „Die ganze Situation kam einem merkwürdig vor, man hatte das Gefühl: Wir müssen da selbst einmal gucken.“
Über Einzelheiten aus dem Tunnel und vom Zugang zum Festgelände dürfen die Sanitäter wegen der staatsanwaltlichen Ermittlungen nichts sagen. „Krieg ohne Bombe.“ So beschreibt Hartmut Kreutz plakativ das Bild, das sich ihm bot. Der 29-jährige Lohmarer schritt mit einem Notarzt die gesamte Tunnelstrecke ab, um sich einen Überblick zu verschaffen und grob die Verletzten zu zählen. Als geprüfter Verbandsführer weiß er, dass es in dieser Situation absolut wichtig ist, eine verlässliche Rückmeldung an den Einsatzstab zu geben.
„Wir haben das ganze Leid gesehen“, erzählt Rudolf Mrosek. „Das war die Hölle, das hat sicherlich noch kein Helfer aus dem Rhein-Sieg-Kreis gesehen, und das wünsche ich auch keinem.“ Vor zehn Jahren war der Rettungssanitäter nach dem schweren Erdbeben in der Türkei, „aber das ist kein Vergleich, da kommt man 48 Stunden später an“. In Duisburg zahlten sich die regelmäßigen Übungen aus. Trotz einer dramatischen Lage, die selbst manchen Polizisten schockierte, machten die Rot-Kreuzler ihre Arbeit. „Ich habe reanimiert, erst danach habe ich registriert, dass nebenan zwei Tote lagen“, sagt Mrosek. Ob es ihm gelungen ist, Leben zu retten, weiß der 57-Jährige nicht.
Am Abend traf eine 28-köpfige DRK-Verstärkung aus dem Rhein-Sieg-Kreis in Duisburg ein, darunter Kräfte zur psychosozialen Unterstützung der Helfer. Auch am nächsten Tag bestand für sie das Angebot, mit Notfallseelsorgern zu reden. „Vor allem die jüngeren Kollegen waren stark gezeichnet“, berichtet DRK-Kreisgeschäftsführer Erwin Hassel. Nicht zuletzt halfen sich die Retter gegenseitig, das Erlebte zu verarbeiten. „Da achtet jeder Kollege auf den anderen.“ Auch war dafür gesorgt, dass die in Duisburg Eingesetzten bei ihrer Rückkunft empfangen wurden, man noch eine Weile zusammenbleiben konnte. „Da tut es gut, in so einer Organisation zu sein“, schätzt Mrosek den Zusammenhalt. Er habe bisher von niemandem gehört, der sagt, er könne nach diesem Einsatz nicht mehr Rettungsdienst leisten.
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