Von Gisbert Franken, 04.08.10, 07:06h
Im Alltag heißt glauben, etwas nicht wirklich wissen, da hält man besser den Mund, bevor man ungenaue Auskunft gibt. Über Glauben wird heute mehr geschwiegen als gesprochen. Und wenn einer doch von seinem Glauben spricht, dann sind die Gesprächspartner nicht selten peinlich berührt. Glauben ist Privatsache.
Doch der Glaube ist nicht verschwunden, er ist nur zu einer unbekannten Größe geworden. Und während sich die großen Kirchen leeren, nimmt die Vielfalt der Glaubensformen, der Glaubensgemeinschaften und der Glaubensangebote zu. Glaube verwandelt sich.
In der Kreisstadt Bergisch Gladbach leben 112 512 Einwohner (Erst- und Zweitwohnsitz zusammengezählt) - und hier erreicht die vor dem Zweiten Weltkrieg absolut dominierende römisch-katholische Kirche mit 49.741 Gläubigen nicht einmal mehr die Hälfte. Knapp halb so groß ist die Schar der Menschen unter dem Dach der Evangelischen Kirche Deutschlands, nämlich 23.645.
Bewegung im Verhältnis der Glaubensgemeinschaften
Den rund 73.000 ordentlichen Kirchensteuerzahlern stehen damit über 39.000 Anders- und Nichtgläubige gegenüber, mehr als ein Drittel. In den übrigen Gemeinden des Landkreises sieht es nicht anders aus, wenn auch mit abnehmender Urbanität die althergebrachten Weisen des Kirchenlebens noch etwas stärker verwurzelt sind.
Aber auch hier ist das „dritte Lager“ auf dem Vormarsch, das in der Statistik als „Sonstige oder keine Religionszugehörigkeit“ ausgewiesen ist. Was geht in deren Köpfen und Herzen vor? Dieser Frage möchte die Bergische Landeszeitung in einer lockeren Folge von Gemeindeporträts unter dem Titel „Glauben in GL“ nachgehen.
Früher war alles übersichtlicher: Die Siedlungsstruktur des vorderen Bergischen Landes im heutigen Kreisgebiet ist bestimmt von den Urpfarren der Katholischen Kirche des Mittelalters. Die Kontrolle des geistlichen Lebens oblag den großen Kölner Stiften wie Sankt Severin, Sankt Gereon, Sankt Maria im Kapitol oder dem Domstift, die die größten Grundbesitzer in den Tälern von Agger, Sülz, Strunde und Dhünn sowie dem vorgelagerten Heidestreifen waren.
Einen Riss in dieses Gefüge brachte erst die Reformation: Nördlich der Dhünn sowie in den Bergen zwischen Sülz und unterer Agger fasste das neue Bekenntnis Fuß, dazwischen zementierte die Gegenreformation ein Band tridentinisch überarbeiteter Rom-treuer Konfessionalität, das bis Wipperfürth und hinter Lindlar reichte - sozusagen eine geistige „Kölner Fahne“, die nach Osten flatterte, denn ohne den Sieg des Katholizismus in der Domstadt wäre auch die Südwestecke des Bergischen Landes mit Sicherheit genauso protestantisch geworden wie der Löwenanteil des Herzogtums.
Gastarbeiter brachten Farbe ins BildSo blieben die Verhältnisse dann für 300 Jahre. Menschen jüdischen Glaubens waren im Bergischen sehr selten, da Juden ohne teuren, staatlichen Geleitbrief im Herzogtum kein Niederlassungsrecht besaßen. In der „katholischen Zone“ siedelten sich nur einige wenige Papiermacher und später auch Industrielle reformierten Glaubens an.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam Bewegung in dieses Bild: Zunächst brachten die Vertriebenen aus den Ostgebieten Zuwachs für die evangelischen Gemeinden. Das setzte sich fort, als der Wirtschaftsaufschwung weitere Menschen verschiedener Konfession in den rheinischen Ballungsraum zog.
Während sich diese Verschiebungen aber noch auf dem hergebrachten konfessionellen Tableau abspielten, brachten die Gastarbeiter, die seit Anfang der 60er Jahre in den Mittelmeerländern angeworben wurden, echte neue Farben ins Bild. Ab Anfang der 70er Jahre gründeten sie islamische und ostkirchliche Gemeinden, die jahrzehntelang von der Allgemeinheit praktisch unbeachtet ein Schattendasein im Hinterhof führten. Parallel begann die Mitgliedschaft der Volkskirchen zunächst allmählich, dann stetiger zu bröckeln.
Kirchenaustritte, die vorher in traditionelleren Milieus oft zur Verfemung führten, wurden gesellschaftsfähig. Daneben zeigte sich seit Ende der 60er Jahre auch eine Gegenströmung: Vor allem junge Leute liefen einer Reihe von modischen Neu-Religionen zu, damals auch Jugendreligionen oder Jugendsekten genannt: von der Hare-Krishna-Bewegung über die koreanische Vereinigungskirche des Referent Mun und die Scientology Church bis zu den Bhagwan-Jüngern.
Viele dieser Gruppen haben sich fünfzig Jahre später fest im Erwachsenen-Spektrum etabliert, sind wegen ihrer Praktiken der Ausbeutung von Anhängern aber in Verruf geblieben.
Die Älteren wandten sich ab den 70er Jahren gerne esoterischen Strömungen zu, wie dem indischen Guru Sri Aurobindo, der etwa den großen Kürtener Komponisten Karlheinz Stockhausen faszinierte.
Religion ist HeimatDas Bild ist bunt geworden: Hinzuzufügen wären noch die Baptisten, die Brüdergemeinde, die Freie Evangelische Gemeinde, die Pfingstgemeinde, die Adventisten, die Neuapostoliker und die Zeugen Jehovas, die alle in der Kreisstadt Gottesdienststätten unterhalten, ohne dass die Aufzählung vollständig wäre. Die Bewohner der verstreuten Eilande dieses konfessionellen Archipels leben oft nebeneinander her, ohne Notiz voneinander zu nehmen.
Nicht immer: Die Evangelische Allianz, ein Zusammenschluss bibeltreuer Christen, so genannter Evangelikaler, hat mehrere dieser Gemeinden, darunter auch Pfarrbezirke der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach, schon zu größeren Kampagnen zusammengeführt. Die Öffentlichkeit reagiert irritiert und bemüht sich, den Auftritt zu übersehen.
Religion ist Heimat, ein Anker für Identität und Orientierung in einer oft schwierigen Gegenwart. Doch es ist wichtig, dass diese Heimat nicht hermetisch gegen die Außenwelt abgeschottet wird, damit nicht Ablehnung und Vorurteil das gesellschaftliche Miteinander zerstören. „Die Gesellschaft muss auf die Gruppen zugehen, und die Gruppen müssen sich dem Dialog öffnen“, sagt Andreas Kiriakidis, Der 28-jährige studierte Religionswissenschaftler ist Generationsbeauftragter am Mehrgenerationenhaus des evangelischen Pfarrbezirks Bergisch Gladbach Stadtmitte.
Ziel des Projektes ist es, die verschiedenen Milieus und Altersschichten des Stadtteils über die kleine Schar der Gottesdienstbesucher hinaus zusammenzubringen, soziale Kontakte herzustellen, zu integrieren. „Integration braucht jeder“, meint er, „denn letztlich ist jeder immer wieder mal in der Situation allein zu sein, Anschluss zu suchen.“ Das gelte auch für Gruppen und eben auch Religionsgemeinschaften. „Die Menschen müssen ertüchtigt werden, sich in der Gesamtgesellschaft zu bewegen.“
Kiriakidis ist auch zuständig für den interreligiösen Dialog. Dafür bringt er nicht nur durch sein Studium gute Voraussetzungen mit. Als griechisch-orthodoxer Christ, aufgewachsen in Deutschland in einem gemischt-nationalen Elternhaus, verbindet er eine gewisse Außen- mit einer Innensicht auf die Verhältnisse. Er wird die BLZ bei den Besuchen der verschiedenen Religionsgemeinschaften begleiten und Hintergründe erläutern.
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