Erstellt 07.08.10, 07:00h
Tobias: Ja, die Atmosphäre im Kloster ist anders. Wir verlassen einen Ort, der uns auch als Besucher nicht mehr zur Verfügung stehen wird.
Markus: Ein bisschen verwurzelt man sich ja immer. Diesen Ort hier aber lassen wir ganz zurück. Da kommt schon Wehmut auf.
Nicht nur das Kloster wird aufgelöst, sondern es wurden auch die vier deutschen Franziskaner-Provinzen zusammengelegt. Wie wird es nun weitergehen?
Tobias: Das Kapitel der Franziskaner hat jetzt gerade stattgefunden. Die neuen Entscheidungsträger müssen erst einmal lernen, welche Brüder wo und in welchen Aufgaben sind. Nun werden alle Häuser in Deutschland in den Blick genommen. Das wird bis Mitte Oktober dauern, denke ich.
Markus: Es werden nun eine ganze Reihe von Gesprächen geführt: „Bruder, kannst du dir vorstellen...?“ Wir sind ungefähr 390 Brüder. Und es gibt rund 50 Klöster in Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass langfristig noch weitere Häuser geschlossen werden müssen. Und zwar - und das ist wichtig - geschieht das, weil wir immer weniger Brüder werden. Nicht, weil uns irgendein Ort nicht gefällt, die Menschen zu uns böse sind, wir nicht genug Geld verdienen oder wir die Arbeit nicht gern machen. Jemand hat sogar behauptet, der böse Kardinal habe uns weggeschickt. Das sind alles nur Gerüchte. Ein weiterer Punkt: Das Management von immer größeren Pfarreien wollen oder können viele Brüder nicht leisten. Es ist auch wirklich schwierig, das mit dem Ordensleben zusammenzukriegen.
Tobias: Die Anforderungen werden komplexer. Die zunehmende Verwaltung fordert in einem Maß, wo ich überlegen muss: Ist es das, wo ich hingestellt bin als Franziskaner?
Wirkte sich der Zusammenschluss der drei Euskirchener Pfarren aufs Ordensleben aus?
Tobias: Ganz konkret: Ich habe mein Büro, den Arbeitsort den ich im Kloster hatte, verlassen. Das war für mich persönlich die größte Umstellung. Viele Kontakte, die ich zu den Brüdern hatte, einfach, weil ich sie zwischendurch auf dem Flur gesehen habe, waren abgeschnitten. Manchmal war ich nicht einmal pünktlich zum Mittagessen. Die Pfarrei hatte oft Priorität vor der eigenen Gemeinschaft. Und: Weil wir an hohen kirchlichen Festen in Pfarrgottesdienste eingebunden waren, haben wir nicht ein einziges Mal Ostern, das Kernfest, als Gemeinschaft gottesdienstlich gefeiert.
War das nicht ein Problem für die Beziehungen der Gemeinschaft untereinander?
Markus: Unsere Gemeinschaft ist durch die Israel-Fahrt in diesem Jahr nochmal mehr zusammengewachsen. Manche Brüder hatten sich bei Tobias und mir beklagt, dass wir beide ständig weg sind. Sie hätten gern mehr als Gemeinschaft miteinander gemacht. Also man merkt schon diese zwei konkurrierenden Schienen, Kloster und Pfarrei.
Seit dem 1. Juli sind Sie von ihren Pfarraufgaben entbunden. Was machen Sie denn jetzt mit Ihrer Zeit?
Tobias: Was durchaus noch stattfindet, sind einzelne pfarrseelsorgliche Begleitungen. Und einige Dinge werden noch zum Abschluss gebracht. Markus hat außerdem noch Schul-Gottesdienste gehalten. Ich bin wirklich ganz raus. Es ist nicht gut, wenn der alte Chef noch mal auftaucht.
Markus: Ich mache fünf Wochen lang in Irland einen Sprachkurs. Den brauche ich auch für andere Aufgaben im Orden, zum Beispiel die Friedensarbeit. Wir können jetzt auch hauswirtschaftlich mehr tun. Tobias hat mal überlegt, einen kleinen Kochkurs für uns anzubieten.
Tobias: Da ich vom Typ eher Jäger und Sammler bin, steht bei mir Entmisten und Entrümpeln an. Die Auflösung des Klosters muss vorbereitet werden. Und ich möchte etwas für meine Gesundheit tun.
Markus: Ich möchte und muss noch mal eine ganze Menge lesen für den Friedens- und Menschenrechtsbereich und mich da mehr einarbeiten. Falls es dabei bleibt, dass ich nach Köln versetzt werde und in die Obdachlosenseelsorge einsteige, ist es erforderlich, sich dort mit den Betreffenden abzusprechen und etwas in das neue Arbeitsfeld einzuarbeiten und einzulesen.
Was nehmen Sie aus Euskirchen mit?
Markus: Viele liebe Menschen - Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen mit Menschen. Viele schöne Situationen, aber auch, was genauso tief gehen kann, manchmal noch tiefer, traurige Situationen.
Tobias: Wo wir auch in Familien hinein durften, wo du normalerweise draußen vor bleibst.
Markus: Mich berührt das auch in diesen Tagen wieder: Man fährt an ein paar Leuten vorbei und die Menschen grüßen. Das ist eine Erfahrung, die kannte ich vor Euskirchen nicht. Das war hier so ein Eingebundensein, so ein soziales Netz, diese Erfahrung nehme ich sicherlich mit.
Tobias: Auch bestimmte Orte nehme ich mit. Ich habe sehr gern im Kloster-Innenhof gesessen. Ich genieße es, in der Werktags-Kapelle zu sein. Das sind Orte, die ich schätzen gelernt habe.
Markus: Ich werde ganz konkret die Matthias-Kirche vermissen. Ich war hier in den letzten Jahren für die Kar- und Osterliturgie zuständig. Und es gibt hier einen Kreis, der das alles vorbereitet hat und gerne auch mal experimentiert. Da haben wir intensiv mit dem Kirchenraum gearbeitet. Das waren ganz neue Raumerfahrungen. Ich habe auch viele Klosterführungen mit Kommunionkindern gemacht. Denen fiel besonders der Kreuzgang auf. Die haben festgestellt, dass man da Inliner im Kreis fahren kann. So einen langen Flur hat keiner daheim.
Tobias: Oder mit den Pedalos. Vor allem wenn du die Kurve nicht kriegst. (lacht) Das war schon eine tolle Sache. Aber auch als unser verstorbener Mitbruder Hermann-Josef im Kreuzgang unter dem Kreuz aufgebahrt war. Da kamen Gemeindemitglieder, um sich von ihm zu verabschieden. Und du hörtest währenddessen Bruder Franz-Leo pfeifen, der nächste Besucher schellte an der Tür... Das war eine schöne Erfahrung.
Markus: Der Tod mitten im Leben. Ja, das war eine ganz tolle Erfahrung.
Also gab es auch Leben von außerhalb, das ins Kloster kam? Wie wichtig war es Ihnen, das ins Kloster zu holen?
Markus: Das kam ja von selber. Es war eher umgekehrt ein Problem. Also die Frage, was den Mitbrüdern noch zuzumuten ist. Auch wegen des Umbaus des Pfarrzentrums.
Tobias: Da fiel viel Raum weg. Wir haben viel an Pfarrleben mit im Refektor gehabt. Wir haben dann eher geguckt: Wie kriegen wir etwas, das wir mal nur für uns haben?
Hatten Sie in Euskirchen Erlebnisse, die Sie im Glauben und Ihrem Weg bestärkten?
Markus: Ich habe hier in dieser Pfarrei für mich einen Stand gefunden, wie ich mein Priester-, mein Franziskaner-, mein Christ- und mein Menschsein einander zuordnen kann, und habe dabei festgestellt, wie wichtig für mich dieser Aspekt des Bruder-Seins ist. Mich berührt es immer noch, wenn jemand sagt: „Hallo, Bruder Markus.“ Das ist für mich auch eine Glaubenserfahrung.
Tobias: Bei mir ist es so: Wir haben an vielen existenziellen Punkten mit Menschen zu tun gehabt, wo du mit Fragen in Berührung kommst, wo du dieses echte Ringen erlebst, und ich auch manchmal Menschen begleiten durfte. Durch diese Begleitung an existenziellen Punkten habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gott mich ein Stück begleitet. Das war ein Stück entlastend. Aber dass ich auch gleichzeitig mit Fragen in Berührung komme, die ich mir ohne diese Menschen wahrscheinlich so nie gestellt und mich auch nicht auf die Suche nach Antworten begeben hätte.
Wie erreichen Sie den nötigen Abstand von diesen Erfahrungen?
Markus: Was wir teilweise zusammen, teilweise jeder für sich getan haben, war, uns ganz bewusst mal aus dem ganzen Laden rauszunehmen. Dass wir bewusst auch mal öfter zusammen einen freien Tag verbracht haben. Einfach mal raus und weg sein.
Tobias: Mal den Ort verlassen und an einen ganz anderen Ort gehen. Da war es eigentlich egal, was wir miteinander unternommen haben.
Markus: Einfach mal rausnehmen und mal nur der Mensch sein. Denn du hast ja auch eine Rolle. Für uns beide doppelt: in der Pfarrei, aber auch hier im Haus.
Tobias: Und an den Tagen hatten wir keine Rolle. Das hat uns einfach auch mal gut getan.
Man ist also durchaus Teil einer Art Lebenspartnerschaft?
Tobias: Es gibt ein Dictum bei uns: Brüder sucht man sich nicht aus. Partnerschaften und Freunde sucht man sich aus.
Markus: Franziskus schreibt in seinem geistlichen Testament: „Der Herr hat mir Brüder gegeben.“ Das wird bei uns oft ergänzt: „Und manche hat er mir aufgegeben.“ (lacht) Also Gabe und Aufgabe.
Tobias: Das charakterisiert auch das Miteinanderleben. Wenn ich mit jedem zusammen sein müsste, als ob das mein Freund oder Partner wäre, könnte ich das gar nicht. Das will und muss ich auch nicht. Aber du musst schon als Brüder miteinander sein.
Markus: Familiarität ist schon etwas typisch Franziskanisches.
Gab es Erlebnisse, die Sie daran haben zweifeln lassen, Franziskaner zu sein und im Glauben zu leben?
Tobias: So existenziell und an die Wurzel gehend nicht. Dass man schon mal seine Anfragen hat und den Bruder am liebsten Bruder sein lassen möchte, schon. So wie es in jeder Beziehung zwischendurch Störungen gibt, die sie aber nicht zerstören.
Markus: So, wie ich mich jetzt in Euskirchen, in diesem Haus und in dieser Gemeinschaft wohl gefühlt habe, so habe ich mich auch in dieser Pfarrei wohlgefühlt. Ein kritischer Punkt sind gewiss die Spannungen, die insbesondere die Pfarrarbeit mit sich bringt - aber so geht es allen, die mit Glauben und dann nochmal speziell mit dem „Laden Kirche“ zu tun haben. Gerade in den letzten Monaten. Ein Schlagwort aus der Studienzeit habe ich versucht beizubehalten: „kritische Loyalität zur Kirche“. Ich möchte schon loyal sein, sonst kann ich mich nicht kirchlich engagieren - aber kritisch. Diese Loyalität aufrecht zu erhalten, finde ich manchmal sehr schwer. Das sage ich ganz ehrlich.
Tobias: Manchmal merke ich: Auch wenn ich im Inneren denke, ganz viel von der Kritik ist wirklich so, ertappe ich mich manchmal dabei, etwas zu retten. Das ist dann auch Rolle.
Was behalten sie als typisch für Euskirchen in Erinnerung?
Tobias: Dass es viele qualifizierte Menschen gibt.
Markus: Fitte ehrenamtliche Menschen, die sich über den Gottesdienstbesuch hinaus in der Gemeindearbeit engagieren. Hier ist das immer noch stärker als andernorts.
Tobias: Und die Ehrenamtlichen bringen das Know-how aus dem Beruf, das sie haben, ein. Zum Beispiel die ganzen Lehrer, die zur Moschee-Gemeinde gehen, um Unterricht zu geben.
Markus: An schöne Liturgien erinnere ich mich auch. Da gibt es hier viele, die darauf Wert legen und auch Lust haben, sie mit vorzubereiten.
Tobias: Besonders gefreut hat mich, dass die Vertreter der Moschee und von Ditib bei unserem Abschiedsgottesdienst waren. Da ist etwas gewachsen, das auch durch die Person von Markus geschehen ist. Schön war auch das freundschaftliche ökumenische Miteinander, was ich nicht überall so gehabt habe. Und was ich als typisch Euskirchen in Erinnerung behalten werde, ist, dass Aufgabenfelder und Themenbereiche auch von engagierten Ehrenamtlichen als Impulse und Ideen gegeben wurden. Also nicht: Die Hauptamtlichen sind die Macher. So wurden von engagierten Gemeindemitgliedern viele „Kinder aus der Taufe gehoben“, wie etwa das Café Paradies. Das sind Punkte, die ich nicht oft erlebt habe.
Seit 1916 lebten Franziskaner in Euskirchen. Was haben sie für Euskirchen bedeutet?
Tobias: Was ich aus Briefen mitbekommen habe: Heimat und eine enge Verknüpfung mit der eigenen Biografie. Ob es darum geht, dass sie Franziskaner als Lehrer hatten, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, die Enkel getauft, den Mann beerdigt - du merkst wirklich, dass sie sagen: Immer an diesen Punkten in unserer Familie war ein Franziskaner da. Immer. Und ich kenn' das nicht anders. Es ist etwas, das immer da war, von dem man sich gar nicht vorstellen kann, dass es irgendwann nicht mehr da ist.
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