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Interview mit Willibert Pauels

Habe immer einen Rosenkranz bei mir

Erstellt 01.09.10, 07:00h

Als „der fromme Jeck“ und „ne bergische Jung“ ist Diakon Willibert Pauels im Karneval unterwegs. Alice Gempfer führte mit ihm das „andere Interview“. Gesprochen wurde über alles - außer über Karneval.

Willibert Pauels
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Willibert Pauels hat bereits als Kind während der Ferien in Vernich seine Liebe zum Kreis Euskirchen entdeckt. (Foto: Düster)
Willibert Pauels
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Willibert Pauels hat bereits als Kind während der Ferien in Vernich seine Liebe zum Kreis Euskirchen entdeckt. (Foto: Düster)
Welchen Bezug haben Sie zur Eifel?

Mehrfachen. Zum einen liegen meine Wurzeln hier. Mein Großvater Wilhelm wuchs im Hohen Venn auf. Aus der bitterarmen Gegend machte er sich auf Schusters Rappen und fand Liebe und Arbeit auf einem kleinen Hof in Gimborn im Oberbergischen.

Wie ging dort Ihre Familiengeschichte weiter?

Auf dem Hof lernte er meine Großmutter Anna kennen, die beiden heirateten. Sie hat mir erzählt, wie sie, gerade schwanger, mit meinem Vater Joseph, ihren Mann in den Ersten Weltkrieg verabschiedete. Sie küssten sich an einem Wegekreuz - und sahen sich nie wieder.

In seinem letzten Brief schrieb er: „Ich liege im Schützengraben, morgen stürmen wir. Was macht mein klein Josephchen?“

Sie erhielt den Brief gemeinsam mit der Nachricht, dass Wilhelm „für Kaiser und Vaterland“ gefallen sei.

Was verbindet Sie mit dem Kreis Euskirchen?

Hier habe ich als Kind die schönsten Zeiten meines Lebens verbracht. Der Schwager meiner Mutter, Josef Burghof, war Chef der „Genossenschaft Clarenhof“ in Vernich. Selbst nur mit Schwestern aufgewachsen, waren die regelmäßigen Ferien in Vernich mit seinen fünf Jungs für mich das Paradies. Wir bauten Flöße, Leo brachte mir das Fahrradfahren bei. (Anm. d. Red.: Vetter Leo ist heute Ratsherr in Weilerswist. Sein Bruder Gerd ist Schatzmeister beim Verein „Förderer des Swister Turms“). Ich war nie im Leben glücklicher als damals in der Eifel.

Sie leben im Oberbergischen - gibt es Unterschiede zwischen dem „Menschenschlag“ dort und dem in der Eifel?

Eher viel Verwandtschaft. Beide haben eine rheinische Ader, aber auch eine harte Schale. Jürgen Becker sagte mal, wenn es einen „Ford Eifel“ gäbe, wäre der auf der Wetterseite verschiefert. Anfangs wirken sie manchmal rau und abweisend - aber nur, damit es nicht „reinregnet“. Ich mag das Bodenständige. Im Gegensatz dazu sind die „Kölschen“ häufig offener, aber manchmal auch oberflächlicher.

Was bedeutet Ihnen die Natur?

Sehr viel. Aber sie darf nicht verwechselt werden mit dem Göttlichen.

Wir ahnen in den Dingen der Natur etwas von dem göttlichen Geist, der alles durchweht - aber wir sollten es nicht mit Gott verwechseln. Manche machen etwa die Bäume zu ihrer Ersatzreligion.

Ein konkretes Beispiel?

Es ist mir beispielsweise unbegreiflich, dass man das Phantasialand bei Brühl, mit dem ich wie Millionen anderer wunderbare Kindheitserinnerungen verbinde, nicht fördern will, weil für eine Erweiterung Bäume gefällt werden müssten. Dort werden die Herzen unzähliger Kinder erfreut - das steht in keiner Relation.

Wie tanken Sie Kraft?

In der Badewanne und beim Lesen. Ich lese täglich alleine drei Tageszeitungen: Die „Bild“, um dem Volk aufs Maul zu schauen, die „Welt“ und die „Bergische Landeszeitung“ (Anm. d. Red.: So heißt die Ausgabe der Kölnischen Rundschau in seinem Wohnort im Oberbergischen Kreis). Und ich gehe jede Woche ins Kino - am liebsten alleine. Da kann ich mich am besten auf meine Nachos, die Cola und den Film konzentrieren (lacht). Und dann noch etwas... (Er wird plötzlich ganz still.)

Was denn?

Ich habe immer einen Rosenkranz bei mir. Ihn zu beten, ist eines der tiefsten Meditationsrituale der Menschen.

Sie stammen aus einem katholischen Elternhaus und wollten Priester werden...

Ja, die 50er Jahre waren zwar „eng“, aber gaben auch Halt. Ich glaube, dass die Menschen aus tiefstem Herzen Geborgenheit suchen, das kennen wir ja auch aus dem Mutterleib. Aber wir suchen auch die letzte Geborgenheit, die Gott gibt.

Dann entschieden Sie sich um, „wegen der Hormone“, wie sie gerne sagen. War da etwa eine Frau im Spiel?

Ja, Irene, mit der bin ich heute noch verheiratet. Wir trafen uns als Betreuer einer Ferienfreizeit, abends wurde gefeiert, getanzt und geknutscht. Herrlich. Aber es gibt auch einen anderen Hintergrund. Ich habe eine unheilbare Liebe zur katholischen Welt, der Kirche und der Liturgie - aber auch zur Bühne. Das könnte ich als Priester nicht so leben, wie ich es heute tue.

Nutzen Sie auch als Diakon Ihr schauspielerisches Talent?

Der schönste Ausdruck für Liturgie lautet „theatrum sacrum“, heiliges Theater. Es ist der größte Fehler der Liturgiereform, das nicht mehr zu beachten. Die moderne Form ist eine Art Stuhlkreis wie im Kindergarten, der mystische Aspekt ist flöten gegangen. Die lateinische Sprache als liturgische Hochsprache etwa ist eine Faszination in sich. Joanne K. Rowling nutzt das in „Harry Potter“ - alle Zaubersprüche in den Geschichten sind lateinisch.

Hatten Sie selbst einmal eine ernste Glaubenskrise?

Vielleicht gestern? Was ich damit sagen will, ist, dass ich von ganzem Herzen und mit ganzer Seele gläubig bin. Aber wegen einer einzigen Frage bleibt immer ein dunkler Unterton. Ich habe sie auch dem Papst gestellt.

Welche Frage?

„Bei all dem unglaublichen Leid von Kindern - wo ist da der liebende Gott?“ Aber solche Fragen sind auch konstituierend für eine gesunde Religion. Sonst wird sie kitschig, fanatisch, neurotisch, extremistisch - und letztlich flach.

Wenn Sie könnten, was würden Sie an der katholischen Kirche ändern?

Ich würde ein 3. Vatikanum einberufen. Alles muss auf den Tisch. Aber nicht, um sich nochmal dem Zeitgeist anzupassen und „moderner“ zu werden. Das hat was von hinterherlaufen.

Würde Sie dann den Zölibat zur Disposition stellen?

Zumindest auf den Prüfstand stellen. Einerseits kann eine unglaubliche Kraft darin stecken. Die „Star Wars“-Kinoreihe hat das übrigens bewusst aufgegriffen, wie der Regisseur selbst sagt. Eine Priesterkaste, die „Jedi-Ritter“, kämpft für das Gute. Sie begrüßen sich mit: „Möge die Macht mit dir sein“. Sie haben ihre eigene Hochsprache, wie in der katholischen Kirche Latein. Und sie leben wie selbstverständlich zölibatär. Der Zuschauer begreift das sofort als spirituelle Welt, die einer unglaublichen Tiefe bedarf. Und: Der Dalai Lama berührt weltweit Herzen. Niemand kommt auf die Idee, nach „Frau Lama“ zu fragen.

Also pro Zölibat?

Die Frage ist, ob es nicht beides geben kann. Zölibatäre Priester als Mönchspriester und andere. Durch den Ausschluss gehen so viele gute Priester verloren. Ausschlaggebend für den Zugang zum Priesteramt sollte vielmehr die spirituelle Tiefe und Leidenschaft sein, und nicht, ob jemand verheiratet ist.

Was sagen Sie zu den Missbrauchsfällen im Umfeld der katholischen Kirche?

Das ist furchtbar. Aber es ist auch ein gesellschaftliches, nicht ein rein katholisches Problem. Zu einem rein katholischen Problem wird es leicht gemacht, weil die Vorfälle alle an Orten der katholischen Kirche stattfanden. Pädophil veranlagte Menschen suchen Orte, an denen Kinder sind. Und Kinderheime waren oft in katholischer Trägerschaft. Zudem, das bestätigen Entwicklungspsychologen, entwickelt sich eine pädophile Neigung im Menschen in deutlich jüngerem Alter als dem, in dem jemand Priester wird und zölibatär lebt.

Also sollten die Vorfälle die katholische Kirche nicht beschäftigen?

Doch, auf jeden Fall. Es ist eine Krise. Ihr muss ein reinigender Prozess innerhalb der Kirche, aber auch in der Gesellschaft folgen.

Was schätzen Sie an der heutigen Welt, was macht Sie fassungslos?

Es ist dasselbe. Nämlich, dass die Welt mit dem Internet ein Dorf geworden ist. Das ist faszinierend und erschreckend zugleich. Es ist eine Chance für mehr Nähe, in der sich letztlich auch Diktaturen wie China nicht mehr abschotten können. Andererseits ist diese Welt ungeschützt. Kinder können etwa mit einem Mausklick auf Pornoseiten gelangen. Das erschreckt mich.

Worüber weinen Sie?

Über alles, was mein Herz berührt. Das können auch sehr schöne Momente sein. Ich erinnere mich an einen Auftritt der Bläck Fööss. Ich stand hinter der Bühne und sie haben Lieder gesungen, die mich mein ganzes Leben lang begleiten. Die habe ich schon in der Penne gehört. Während des Studiums saßen wir in Münster auf dem Flokatiteppich, Räucherstäbchen brannten und wir sangen Songs der Bläck Fööss... (schließt die Augen und beginnt zu singen). Als ich also da stand und die Fööss sangen „Du bes die Stadt...“, da hab ich Rotz und Wasser geheult.

Welche Musik haben Sie noch in jungen Jahren gehört?

(Spontan:) Französische Chansons, George Moustaki. (Schließt die Augen, nimmt die Brille ab und singt:) „Ma liberté, longtemps je tai gardée...“ Oder Hannes Wader. (Singt:) „Heute hier, morgen dort, bin kaum hier...“ Und auch von Reinhard Mey alles, was nicht politisch ist. Das war wunderbare Asphaltpoesie.

Wenn Sie mit Gott ein Bierchen trinken könnten, was würden Sie ihn fragen?

Das Tolle wird sein, dass ich dann, wenn ich Gott treffe, keine Fragen mehr habe. Das ist wie mit einem gewebten Teppich. Wenn du den von unten anguckst, wirst du wahnsinnig über das Gewirr von Fäden. Von oben aber offenbart sich dir ein wunderbares Muster...



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