Von Stefan Corssen, 03.09.10, 07:06h
Schulkonferenz hat das letzte Wort
Seit über fünf Jahren arbeiten die Gymnasien in NRW mit großem organisatorischen und finanziellen Aufwand an der Einführung von G8. 2013 sollen die ersten G8-Schüler Abitur machen, gemeinsam mit dem letzten G9-Jahrgang. Doch an einigen Gymnasien könnte das „Turbo-Abi“ schon bald Geschichte sein.
Für einen Paukenschlag sorgte Ende August die neue NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündis 90 / Grüne) als sie verkündete: „Gymnasien sollen bis zum Anmeldetermin im nächsten Jahr (Ende Februar 2011, d. Red.) einmalig entscheiden können, ob sie zur neunjährigen Schulzeit zurückkehren möchten oder beim achtjährigen Bildungsgang bleiben.“ Die BLZ fragte bei den Gymnasien in Wipperfürth und Lindlar nach.
„Dass Schule zum Experimentierfeld der Politik verkommt, ärgert mich“, sagt Ulrich Güth, der Leiter des Gymnasiums Lindlar. „Dieses ständiger Hin und Her schadet.“ Ob sich die Schulkonferenz des Gymnasiums - die Vertretung aus Lehrern, Eltern und Schülern - für das Festhalten an G8 oder die Rückkehr zu G9 entscheiden werde, stehe noch nicht fest. Zumal rechtlich verbindliche Regelungen noch ausstehen. „Wir sind offen für beide Richtungen“, so Güth. Gerade im ländlichen Raum, wo die Gymnasien viel dünner als in den Großstädten gestreut sind, müsse man beiden Schülerklientelen gerecht werden. Denkbar sei auch die Einführung von so genannten „D-Zug-Klassen“.
Werner Kronenberg, der neue Leiter des EvB-Gymnasiums, macht aus seiner Kritik an G8 kein Hehl. „Das Ganze ist organisatorisch übers Knie gebrochen worden. Geisteswissenschaftliche Fächer wie etwa Geschichte und Erdkunde wurden im Stundenumfang um 25 Prozent gekürzt.“ Peter Oberberg, Beratungslehrer der Stufe elf, ergänzt: „Seit der Einführung von G8 gibt es große Probleme, neue Schüler für Theater und Big Band zu rekrutieren.“ Bei der Entscheidung für ein Festhalten an G8 oder eine Rückkehr zu G9 spielen auch die sinkenden Schülerzahlen eine Rolle. Denn die Gymnasien müssen zunehmend um Schüler konkurrieren, zumal mit Kürten und Marienheide auch zwei Gesamtschulen den Weg zum Abitur anbieten. Das Angebot einer Rückkehr zu G8 hält Kronenberg „im Grunde für unmoralisch - aber verführerisch ist es schon“.
St. Angela-Schulleiter Walter Krämer hält sich zurück. „Wir haben noch keine gesetzlichen Grundlagen, auf Grund derer wir entscheiden können, wie es weiter geht. Aber im Hinterkopf haben wir das Thema natürlich schon.“ Allerdings - eine gewisse Sympathie für die kürzere Schulzeit lässt der Leiter des Erzbischöflichen Gymnasiums erkennen. „Das Gymnasium soll sich abheben und leistungsstarke Schüler haben. Solche Schüler haben auch keine Schwierigkeiten mit G8.“
Ende September treffen die oberbergischen Schulleiter zu einer Konferenz zusammen. Währenddessen versichert das Schulministerium in Düsseldorf, man werde die offenen Fragen rechtzeitig klären, um den Eltern Planungssicherheit zu geben. Was genau „rechtzeitig“ heißt, darauf will sich die Pressestelle des Ministeriums nicht festlegen lassen.
Harte Kritik kommt von der Landeselternschaft: „Die Einführung der Wahlfreiheit für jedes einzelne Gymnasium zwischen G8 und G9 führt zu Zeit raubenden Diskussionen und chaotischen Verhältnissen in den Schulen.“
Das Problem der
doppelten Jahrgangsstufe
Währenddessen müssen die Gymnasien noch ein organisatorisches Problem lösen - die doppelte Jahrgangsstufe. 2013 werden zwei Jahrgänge gemeinsam Abitur machen, die G9er nach 13 Jahren, die G8er nach zwölf Jahren. Für beide Jahrgänge beginnt in diesem Jahr die Oberstufe. Zunächst wollen alle drei Gymnasien getrennt nach Jahrgängen unterrichten - bis auf wenige Ausnahmen. St. Angela will an dieser Trennung bis zum Abitur festhalten, EvB und Gymnasium Lindlar wollen mit Beginn des kommenden Schuljahres die Kurse zusammenlegen.
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