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Heimatgeschichte

Die Liebe mit dem Leben bezahlt

Von Peter W. Schmitz, 03.09.10, 07:01h

Die Vögel zwitschern, die Natur erfreut das Auge mit sattem Grün und der ehemalige Steinbruch setzt sich mit Ockertönen pittoresk gegen den stahlblauen Himmel ab. Am 27. März 1942 war es um 8.30 Uhr mit dem Frieden vorbei. Die Idylle wich dem Grauen.

Laurenz Schäfer
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Bronislaw Sygulas musste laut Laurenz Schäfer sterben, weil er ein Verhältnis mit einer Eschweilerin gehabt haben soll. (Bild: Schmitz)
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Bronislaw Sygulas musste laut Laurenz Schäfer sterben, weil er ein Verhältnis mit einer Eschweilerin gehabt haben soll. (Bild: Schmitz)
ESCHWEILER - Die Vögel zwitschern, die Natur erfreut das Auge mit sattem Grün und der ehemalige Steinbruch setzt sich mit Ockertönen pittoresk gegen den stahlblauen Himmel ab. Alles sieht unendlich friedlich aus im Eschweiler Tal.

Am 27. März 1942 war es um 8.30 Uhr mit dem Frieden vorbei. Die Idylle wich dem Grauen: Die Bonner Gestapo (geheime Staatspolizei) erhängte dort den Polen Bronislaw Sygula im Auftrag des Nazi-Regimes. Der Zwangsarbeiter hatte kein Verbrechen begangen, sondern war lediglich mit einer Eschweilerin spazieren gegangen. Das war sein Todesurteil.

Dieser „Mord im Auftrag der Nazis“ ließ Laurenz Schäfer keine Ruhe mehr. Der Arloffer, der selbst dankbar für die „Gnade der späten Geburt“ ist, hat sich schon immer für die Heimatgeschichte, auch für deren dunkle Seiten, interessiert. Alte Arloffer hatten ihn über das schlimme Ereignis im Eschweiler Tal informiert. „Dann habe ich angefangen zu forschen.“ Mittlerweile habe er ein ziemlich klares Bild der Ereignisse vor 68 Jahren.

„Mich hat immer gestört, dass einige Alt-Nazis nach dem Krieg geprahlt haben, uns passiert ja nichts mehr.“ Ihm gehe es aber keineswegs um eine Hexenjagd, zumal die Beteiligten allesamt das Zeitliche gesegnet hätten. Jetzt aber müsse die Geschichte endlich aufgearbeitet werden.

Schäfer hat inzwischen Mitstreiter für seine Mission gewonnen. So etwa den Bad Münstereifeler Pastor Thomas Bahne, die Kirchenvorständler von St. Margareta aus Eschweiler, Dieter Hufschmidt und Norbert Peters, sowie dessen Frau Helga für den Pfarrgemeinderat, Ortsausschuss Eschweiler.

Auch Schäfers neue Mitstreiter wälzten in den vergangenen Wochen eifrig alte Chroniken und sprachen laut Peters mit Eschweiler Bürgern, „die damals noch Kinder waren, aber von den Geschehnissen gehört hatten“. Augenzeugen gebe es aber definitiv nicht mehr.

Die gemeinsamen Recherchen ergaben ein ziemlich genaues Bild. Demnach lebten seit dem Frühjahr 1940 sieben polnische Zwangsarbeiter bei Familien in Eschweiler. Hermann Görings „Polen-Erlasse“ erlaubten ihnen nur ein absolutes Minimum an Kontakten zur deutschen Bevölkerung (siehe Kasten).

Der damalige Eschweiler Pfarrer Dr. Johann Schenk schrieb in der Chronik von St. Margareta, dass jeder Gottesdienst für die Polen bei der Polizei in Satzvey zwingend angemeldet werden musste.

Peters: „Problematisch wurde es immer dann, wenn die Anordnungen der Nazis auf Traditionen stießen.“ So habe der Knecht, also in diesem Fall der Zwangsarbeiter, irgendwie zur Bauern-Familie gehört. Konfliktpotenzial sei also programmiert gewesen.

„Lebensbedrohlich wurde es für die Zwangsarbeiter, wenn es zu intensiveren Kontakten zu deutschen Frauen kam“, berichtet Peters. So sei es auch dem Polen Bronislaw Sygula im Frühsommer 1941 ergangen.

Laut Peters spazierte er mit einer jungen Eschweilerin, auf deren Hof er gearbeitet habe, durch das Eschweiler Tal. „Sie wurden von Arbeitern einer Iversheimer Maschinenfabrik, die dort Vieh hüteten, bei den Nazis denunziert.“

Pfarrer Schenk schrieb anschließend in der Pfarr-Chronik: „Am 27. März (1942) wurde ein Pole, der hier bei einer Familie tätig war, morgens um 8.30 Uhr im Eschweiler Tal am Steinbruch von der Staatspolizei erhängt - nach einer Haftzeit von acht Monaten in Bonn.“

Dass der 30-jährige Pole und die Eschweilerin eine Liebesbeziehung hatten, ist für Peters „ziemlich eindeutig“. Dies belege eine Notiz des damaligen Pfarrers Schenk in der Kirchenchronik: „Über dem Passus in fast unleserlicher lateinischer Schrift haben wir 14 Tage lang gebrütet.“ Dort habe der Pfarrer das Verhältnis der beiden dokumentiert, offenbar in Latein, weil er sich selbst schützen wollte. „Es war schon ein Drama, die Liebe der beiden endete mit dem Tod des Liebhabers.“

Andere polnische Zwangsarbeiter hätten der Hinrichtung aus Gründen der Abschreckung beiwohnen müssen. Schäfer hat vor einigen Jahren von einer Zeitzeugin erfahren, dass die Polen lange getrauert hätten. „Einer soll eine Woche lang nichts gegessen haben“, berichtet der 65-Jährige. Bronislaw Sygulas Leiche wurde nach den Recherchen von Schäfer und Peters nach Bonn in die Medizinische Fakultät gebracht. „Dort wurde sie für ein Jahr lang zu Forschungszwecken missbraucht.“ Laut Dr. Horst-Pierre Bothien vom Stadtmuseum Bonn wurde Sygula auf dem Nordfriedhof in Bonn beigesetzt. „Sein Name steht auch auf dem Ehrengrabstein.“

Jetzt gehe es darum, so Peters und Schäfer, dass die „Vergangenheit nicht länger totgeschwiegen“ werde. „Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann überzeugend die Hand zur Versöhnung anbieten.“

Daher wird am Sonntag, 19. September, um 14 Uhr eine Heilige Messe für Sygula gehalten. Und zwar genau dort, wo der polnische Zwangsarbeiter hingerichtet wurde: vor dem Steinbruch. Gleichzeitig wird ein Gedenkkreuz für das Opfer des Nazi-Regimes, das Schäfer gestiftet hat, eingesegnet.

„Mit der Messe wird Bronislaw Sygula die letzte Ehre erwiesen. Damit schließt sich der Kreis nach 68 Jahren“, freut sich Laurenz Schäfer.

Wegbeschreibung: Laut Veranstalter stellt die Bad Münstereifeler Firma Auto Heinen, Heinenstraße 9, am 19. September vor dem Verwaltungsgebäude Parkplätze zur Verfügung. Von dort erreicht man den Steinbruch über den Fußweg zum Eschweiler Tal nach knapp zwei Kilometern. Gehbehinderte dürfen mit dem Auto vorfahren.



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