Von Dieter Brockschnieder und Georg Dreher, 13.08.10, 09:43h, aktualisiert 13.08.10, 11:42h
Zur Vorgeschichte: Noch vor dem Drama bei der Loveparade in Duisburg hatte eine interne Runde der Stadtverwaltung (Bürgerdienste, Veranstaltungskoordination und Feuerwehr) sich verabredet, das Thema Sicherheit bei Großveranstaltungen zu besprechen. Als Termin war der Mittwoch nach der Loveparade verabredet worden - und an diesem Tag war alles anders: Im Lichte der Ereignisse von Duisburg sollte nun das gesamte Konzept für Pützchen Markt, dem nächsten großen Event, überprüft und überarbeitet werden.
Das hat Stein getan. Er legte einer Runde von Verwaltungsfachleuten eine Lageanalyse vor, nach der die Personendichte auf dem 80.000 Quadratmeter großen Kirmesplatz gar nicht erst so groß sein darf ",dass sie alleine schon zur Gefährdung wird". Denn "bei üblicherweise zu erwartenden Schadenfällen müssen noch Fluchtbewegungen und Gefahrenabwehrmaßnahmen möglich bleiben", heißt es in dem Papier, das der Rundschau vorliegt. Stein nennt als Beispiele den Brand einer Bude einen Unfall am Fahrgeschäft, ein Wetterereignis oder auch Scheingefahren.
Daher soll es zusätzliche Rettungswege geben, und zwar entgegengesetzt liegend, so dass Flüchtende sich nicht in die Quere kommen. Ziel: Von jedem Versammlungspunkt muss in maximal 60 Metern ein Ausgang erreicht werden. Die Fluchtwege sollen mindestens 1,20 Meter breit sein. Eventuell werden sie über Privatgrundstücke geführt, so dass vorab Verhandlungen mit den Eigentümern nötig sind.
Die normalen Wege auf dem Kirmesgelände sollen durchgehend sechs Meter Breite haben, "Einengungen sind nicht zulässig." Es darf auch nichts hineinragen, das heißt, Überbauten sind erst ab vier Meter Höhe erlaubt. Auch das fordert Stein: Die Abstände zwischen der bestehende Bebauung und einer Kirmesbude muss mindestens fünf Meter betragen, wird eine Brandsicherheitswache gestellt, reichen zwei Meter.
Für das städtische Gelände am Holzlarer Weg, auf dem normalerweise die Wohnwagen der Schausteller abgestellt werden, schlägt der Feuerwehrchef einen Behandlungsplatz vor. Die Marktschule bleibt weiterhin Einsatzleitzentrale.
Das Konzept des Amtsleiters betrifft vor allem die Hauptein- und Ausgänge an der Friedensstraße und der Marktstraße, in denen es sich besonders am Freitag- und Samstagabend knubbelt. Im Kernbereich von Pützchens Markt gebe es hingegen kaum Gefahrenbereiche, hieß es gestern aus der Stadtverwaltung.
Die hielt sich im Übrigen mit der Bewertung des brisanten Papiers zurück, das am Vormittag in einer eilends einberufenen Besprechung der beteiligten Dienststellen und Abteilungen der Stadtverwaltung erörtert worden war. An dieser Besprechung nahm auch Stadtdirektor Dr. Volker Kregel teil, der als Dezernent für die Feuerwehr zuständig ist und in wenigen Tagen seinen Dienst in der Bonner Stadtverwaltung quittieren wird. "Über das Sicherheitskonzept für Pützchens Markt 2010 wird voraussichtlich nächste Woche durch die Verwaltungsführung entschieden", hieß es nach der Sitzung. Voraussetzung sei, dass in allen entscheidenden Fragen Konsens erzielt werde und es von allen an sicherheitsrelevanten Fragestellungen beteiligten Dienststellen der Stadtverwaltung und der Polizei unterzeichnet werde. "Erst dann sind die Konsequenzen im Detail darstellbar."
Von der Polizei hieß es gestern: "Wir bearbeiten unseren Teil und fügen ihn in der nächsten Woche ins Gesamtkonzept ein". Der Sicherheitsstandard für die Großkirmes sei in jedem Jahr verbessert worden, wies ein Polizeisprecher auf die Kameras hin, mit denen die Besucherströme überwacht werden könnten.
Für die Schausteller nahm Peter Barth, der Vorsitzende des Bonner Schaustellerverbandes, an der gestrigen Besprechung teil. Zu Einzelfragen wollte er sich nicht äußern, sagte aber: "Wir brauchen Zeit und wollen wissen, wo der Nagel sitzt, bevor wir ihn einschlagen." Er werde dafür kämpfen, dass kein Schausteller in diesem Jahr eine Absage bekommt. Im übrigen plädierte er dafür, Pützchens Markt sein Flair und seine eigene Note zu erhalten.
Mit konkreten Äußerungen zu Einzelproblemen hält sich auch Günter Dederichs, CDU-Fraktionsvorsitzender in der Bezirksvertretung Beuel, zurück. Der Vorsitzende des erst kürzlich gegründeten "Freundeskreises Pützchens Markt" hält Verbesserungen und Änderungen für möglich, warnt aber davor, dass es nach so vielen Jahren erfolgreichem und reibungslosem Ablaufs der Großveranstaltung keinen Grund für eine "Holzhammer-Methode" gebe. In diesem Sinne beantwortete er auch die zahlreichen Telefonanrufe, die bei ihm pausenlos eingingen.
Eine Lehre aus Duisburg
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Wilfried Klein sagte, eine Lehre aus Duisburg sei es, die Bedenken von Brandschutz- und Sicherheitsexperten ernst zu nehmen. Er selbst habe auf der Kirmes schon in der Menschenmasse gestanden und sei froh gewesen, wieder raus zu sein. Zwar sei nie etwas passiert, doch Konzepte seien dazu da, Lösungen zu haben, wen etwas passiert sei.
Die Koalition von CDU und Grünen plädierte für eine abgewogenen Sicherheitsdiskussion. Die Fraktionsvorsitzenden Benedikt Hauser (CDU) und Doro Paß-Weingartz (Grüne) übten indes auch Kritik am Feuerwehrchef: "Mit den Maximalforderungen eines Amtsleiters lässt sich schwerlich diskutieren, weil er sich mit seinen Vorschlägen aus der Verantwortung gezogen hat." Die Örtlichkeiten auf Pützchens Markt mit ihren vielen Fluchtwegen seien anders zu bewerten "als die katastrophale Zugangssituation bei der Loveparade". Es könne nicht im Interesse von Pützchen Markt sein, "wenn Menschen zu viel Furcht haben, ihn zu besuchen". Die Sicherheit müsse zwar absoluten Vorrang haben, Pützchen müsse "aber auch ein Volksfest bleiben und keine Dorfkirmes."
Die FDP schlug einen Runden Tisch mit Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisation, Verwaltung, Politik, Schaustellern und Anliegern vor. Bei einer kurzfristigen Absage der Kirmes könnten "unabsehbare Schadensersatzforderungen auf die Stadt zukommen".
Das wohl nicht, denn Stadtsprecher Friedel Frechen versicherte auf Anrage: "Pützchens Markt findet statt."
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