Von Charlotte Zittel, 02.09.10, 11:52h
Die Historikerin aus Rheinbach versucht ein Bild jüdischer Studentinnen an der Universität Bonn zusammenzusetzen. Mehrere dicke Ordner sind gefüllt mit Namen, Bildern und Daten. Die Lebensgeschichten 64 jüdischer Frauen stecken dahinter. "Das sind Geschichten über ungemein willensstarke Frauen, die gekämpft haben, mit einer Energie, die mich begeistert", erklärt Formanski, die sich in Rheinbach auch für die SPD in der Kommunalpolitik engagiert.
Diese Begeisterung ist deutlich zu spüren wenn sie erzählt und immer neue, fesselnde Geschichten von den weiblichen Pionieren an deutschen Universitäten um die Jahrhundertwende preisgibt. Manche enden traurig, manche glücklich. Allen gemein sind die vielen Vorbehalte, Hindernisse und Gefahren, denen sich die Protagonistinnen gegenüber sahen.
1896 gab es an der Universität Bonn die ersten Studentinnen: 16 junge Frauen, viele jüdischen Glaubens, die gemeinsam um ihr Recht zu mehr Bildung kämpften. Formanski bewundert deren Kraft: "Zu dieser Zeit musste man als Frau intelligent, belastbar und sehr ausdauernd sein, um studieren zu können." Um mehr über sie zu erfahren, hat die 66-Jährige Universitäten im In- und Ausland angeschrieben, in Stadtarchiven geforscht und vor allem viele Bücher gewälzt. Viele Archive und damit unwiederbringliche Informationen sind allerdings 1938 in Synagogen verbrannt, im Krieg zerstört worden oder einfach verloren gegangen. Doch diese Schwierigkeiten fegt Formanski mit einem Lächeln vom Tisch: "Es ist wie ein Puzzle."
Die Judenverfolgung durch Hitler und die Nationalsozialisten trieb viele jüdische Akademikerinnen in den Tod, in den Untergrund oder in die Flucht nach England, Amerika oder Palästina. All ihre Reputation, Leistungen und Praxen waren dort vergessen. Sie mussten wieder von vorne beginnen. Nicht alle schafften das.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von Lilly Meyer-Wedell, die 1902 in Bonn ihr Physikum ablegte. Von 1911 bis 1933 war sie Kinderärztin in Hamburg und außerdem Mitbegründerin des Bundes deutscher Ärztinnen, aus dem sie zusammen mit allen anderen Jüdinnen 1933 ausgeschlossen wurde. 1936 flüchtete sie nach England, wo sie einige Jahre später aus einem Fenster stürzte, vermutlich Selbstmord beging.
"Viele jüdische Frauen sind an der Flucht zerbrochen. Sie durften im Ausland nicht in ihrem Beruf arbeiten, für den sie so hart gekämpft hatten", erläutert Formanski und blättert in ihrem roten, prall gefüllten Ordner. "Es gibt aber auch schöne Geschichten, mit Happy End sozusagen."
"Vor dem Vergessen bewahren"
Die jüdische Ärztin Etna Rüppel trennte sich von ihrem nichtjüdischen Mann als dieser wegen seiner Ehe zu einer Jüdin Praxisverbot erhielt. Sie wollte ihn schützen. Rüppel lebte lange Zeit im Untergrund, entkam knapp der Deportation in ein Konzentrationslager. 1946 dann, als die Gefahr vorbei war, heiratete sie ihren Exmann erneut. Auch Margarete Bieber hat es geschafft. Die Archäologin, Jahrgang 1879, floh in die USA und gewann ihren Kampf um Ansehen in der Fachwelt und beruflichen Erfolg ein zweites Mal. Noch im Alter von 90 Jahren bewarb sie sich um ein Stipendium und bekam es auch.
Andere Nachforschungen wiederum enden traurig. Die Kunsthistorikerin Luise Straus-Ernst, Ärztin Lisa-Marie Meirowsky und Romanistin Paula Steiner wurden von den Nationalsozialisten ermordet. "Ich empfinde es als Verpflichtung, das Leben dieser Frauen festzuhalten", sagt Formanski. "Ich will sie vor dem Vergessen bewahren." Ihre Nachforschungen will die unermüdliche Historikerin in einem Buch veröffentlichen mit Lebensgeschichten, denen zwar einige Puzzleteile fehlen, die aber trotzdem begeistern, Hoffnung geben, mahnen und erinnern.
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