Von Alice Ahlers, 03.09.10, 20:44h, aktualisiert 06.09.10, 10:24h
Schreibschrift nicht mehr Schönschrift
Dass Kinder mit Druckbuchstaben das Schreiben anfangen, ist nichts Neues und mittlerweile an fast allen Grundschulen Realität. Normalerweise lernen sie dann aber zu Beginn des zweiten Schuljahres eine weitere Schrift, bei der die Buchstaben verbunden werden - entweder die Lateinsche Ausgangsschrift (LA), mit vielen Häkchen, Schleifen und Bögen, oder eine vereinfachte Form davon, die seit Anfang der 70er immer häufiger unterrichtet wird. „Doch wozu eigentlich diese zweite Schrift?“, fragt jetzt der Grundschulverband und fordert, dass Kinder nur noch eine „Grundschrift“ erlernen, die im wesentlichen auf den Druckbuchstaben basiert. „Schreibschrift muss heute keine Schönschrift mehr sein,“ sagt Ulrich Hecker, stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbands. All die Schnörkel und Schwünge - historisch überholt.
Dass Kinder zunächst mit Druckbuchstaben Schreiben lernen, ist plausibel. Denn diese Schriftzeichen begegnen ihnen bereits vor der Einschulung überall - auf Schildern, im Fernsehen, in Büchern, auf Produkten. Es ist die Schrift, mit der sie auch lesen lernen. Warum sollten also die Buchstaben, die man liest, anders aussehen als die, die man schreibt? „Auch motorisch ist die Druckschrift viel einfacher“, sagt Mechthild Dehn, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. „Da gibt es senkrecht, waagerecht, schräg und rund. Das sind alle Grundelemente.“
Die Schrift, die der Grundschulverband vorschlägt, soll vor allem keine Normschrift mehr sein. „Sie gibt den Kindern sehr viel Freiheit,“ sagt Ulrich Hecker. Auch in Lineaturen soll sie niemanden mehr zwängen. Wenn Kinder groß schreiben, sollen sie das von Anfang an tun. Vorbei wären die Zeiten, in denen Schüler Buchstaben so nachmalen müssen, dass jedes Häkchen genau an der richtigen Stelle sitzen muss. „Für manche Kinder ist es eine enorme Anstrengung, etwas so aufs Papier zu bringen, dass die Lehrerin zufrieden ist,“ sagt Mechthild Dehn. Vor allem die Jungen täten sich schwer: „Beschämungen wie das Gefühl eines Schülers, den kleinen Bogen im Aufstrich des großen M nie hinzubekommen, sind doch vermeidbar.“
Aus der einen „Grundschrift“ sollen die Kinder ihre individuelle Handschrift automatisch entwickeln. Das tun sie sowieso. Denn wer schreibt als Erwachsener schon noch so, wie damals in der Grundschule, als alle Buchstaben in einem Wort miteinander verbunden waren? „Wenn Kinder zwei Schriften lernen, lernen sie zwei Alphabete“, sagt Ulrich Hecker. „104 verschiedene Zeichen - das verwirrt nur.“ Dem widerspricht Wilhelm Topsch, Pädagogik-Professor in Oldenburg.. „Kinder müssen nicht bei Null anfangen, wenn sie eine zweite Schrift lernen“, sagt der Professor. Sie müssten das Gelernte nur weiter ausdifferenzieren. Die meisten Druckbuchstaben hätten bereits ähnliche Strukturen. Dass man nach der Druckschrift auch eine verbundene Schrift lernt, hält er für durchaus sinnvoll. Lehrerinnen sollten zwar nicht mehr auf jedes Häkchen und i-Tüpfelchen achten. „Es sollte aber trotzdem einen didaktischen Blick darauf geben, dass keine falschen Bewegungsabläufe entstehen.“
Wer gegen die Abschaffung der Ausgangsschriften ist, ist das meist aus ästhetischen Gründen und verfällt schnell in Nostalgie. Die Schrift sehe doch so schön aus. Dieser Fluss, der Schwung, das Dahingleiten. Wenn es optisch nach jedem Buchstaben stockt, dann könnten doch auch die Gedanken nicht fließen. Studien zeigen, dass das nicht stimmt. Auch, wenn die Verbindung auf dem Papier nicht zu sehen ist: Computeranalysen ergaben, dass die Hände die verbindenden Bewegungen auch beim Schreiben von Druckbuchstaben ausführen. Sie verbinden die Schriftzeichen quasi in der Luft - das hinterlässt nur eben keine grafische Spur auf dem Papier.
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22. April 2012,
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