Von Oliver Tripp, 04.09.10, 07:03h
Mit einem Geburtstagsfest zum 90. feierten die Schützen ihr ältestes Mitglied. „Ich darf bloß am Morgen keinen Kaffee trinken“, dann sei es mit ihrer Ruhe vorbei, sagt die rüstige Frau. Vielmehr bevorzuge sie an Wettbewerbstagen kurz nach dem Aufstehen um 7 Uhr eine Tasse Kamillentee und ein Butterbrot, das sie sich mit ihrem 36 Jahre alten Graupapagei Lora teile. Ein kluges Tier, das ganze Sätze wie „Guten Morgen Mutti, der Kaffee ist fertig“ sprechen könne, sei Lora, erzählt Ilse Just.
Die alte Dame hält sich fit. Nicht nur, dass Walter Zervos, selbst Schütze, sie einmal in der Woche zum Schießen im Schützenheim abholt. Sie führt ihren eigenen Haushalt, macht alle anfallenden Arbeiten in ihrem großen Garten mit Büschen und Blumen selbst, pflanzt etwa 80 Geranien im Eingangsbereich, und bis vor kurzem erntete sie auch noch die Früchte vom Kirschbaum. Dazu gehe sie zur Gymnastikstunde und führe täglich Cessi, ihren Babylonspitz spazieren, erzählt Ilse Just.
Auch Laster scheint sie nicht zu kennen. Sie rauche nicht, und im Fernsehen schaue sie höchstens mal einen Krimi. Am liebsten lese sie in der verbleibenden Zeit die Tageszeitung, und dort schätze sie am meisten den Politikteil.
Am 30. August 1920 geboren, wuchs Ilse Just als Tochter des Landinspektors Josef Pitter und seiner Frau Emma in dem kleinen Ort Mutzlena bei Leipzig auf mit einer leiblichen Schwester und sieben Stiefgeschwistern. 1941 heiratete sie den Soldaten Gerhard Just und zog nach Naumburg. Bald kamen die Töchter Ute und Karin zur Welt. Nach dem Krieg habe ihr Mann als Sachbearbeiter für Ehe- und Verwandtschaftsangelegenheiten bei Gericht gearbeitet. Sie selbst habe als sogenannte Oberwachtmeisterin inhaftierte Frauen in den Gerichtssaal geführt, schildert Just.
Die Flucht in den Westen sei 1953 in den Wirren des Volksaufstandes in Berlin gelungen. Zunächst seien sie nach Ostfriesland gekommen, später dann nach Köln. Dort sei es anfangs schlimm für sie gewesen, erzählt sie: „Wir waren von drüben, die Kommunisten.“ Während Gerhard Just in Köln eine Anstellung als Straßenbahnfahrer gefunden habe, habe sie verschiedene Jobs gehabt, im Brauhaus Sester etwa oder in einer Bäckerei. „Ich bin täglich zu Fuß vom Severinsviertel zur Backstube in Klettenberg gelaufen.“
Und es reichte für bescheidenen Wohlstand und ein eigenes Haus. Seit 35 Jahren lebt Ilse Just in Elsdorf. Und auch hier sei sie möglichst gesellig, „das muss man tun, gerade wenn man alt wird“. Bis heute folge sie ihrem Leitsatz: „Man muss sich keine Feinde machen, sondern Freunde.“
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