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Prozess

„Hielt mich für den Messias“

Erstellt 09.09.10, 07:00h

Weil er seine Ehefrau und seinen Vater im Wahn erstochen hatte, steht ein 34-Jähriger vor dem Kölner Landgericht. Ein Gutachter attestiert dem Angeklagten eine schwere Psychose. Nun wird überlegt, den Mann dauerhaft in eine Klinik unterzubringen.

Köln - „Ich konnte nichts dafür. Es lag in der Luft. Es war eine Art Paranoia damals.“ - Der Mann, der dies gestern in Saal 210 des Landgerichts zu Protokoll gab, hat am 12. Februar in Mülheim eine furchtbare Familientragödie verursacht. In einer Art religiösem Wahn hatte er damals in der gemeinsamen Wohnung zuerst seine Ehefrau erstochen. Dann, nachdem er seine Eltern telefonisch herbeigebeten hatte, erstach er auch noch seinen Vater. Seit gestern sitzt der unscheinbar wirkende 34-Jährige in dunklem Anzug mit passender Krawatte auf der Anklagebank in Saal 210 des Landgerichts. Wegen einer laut Gutachter „schweren Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis" hat die Staatsanwaltschaft allerdings auf eine Anklage gegen ihn verzichtet. Er habe die Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen.

Gleichwohl hält ihn die Anklagebehörde wegen der psychischen Erkrankung und einer daraus resultierenden möglichen Wiederholungsgefahr für eine Gefahr für die Allgemeinheit und hat beantragt, ihn auf Dauer in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen.

Vor einer Strafkammer des Landgerichts kam gestern unter anderem die Frage auf, ob die Familientragödie hätte verhindert werden können. Denn kurz vor der Tat hatte der 34-Jährige einen weiteren Schub seiner Erkrankung bemerkt und hatte seinen behandelnden Arzt gebeten, ihn in eine Klinik einzuweisen, so jedenfalls seine gestrige Aussage. Auch seine Mutter soll die Ärzte damals gewarnt haben. Verteidiger Gottfried Reims: „Man vertröstete einfach nur.“ Unter Tränen schilderte der in diesem Moment völlig gebrochene Angeklagte, wie die Psychose damals erneut von ihm Besitz ergriff, wie er die Realität verkannt habe („Ich hielt mich für den Messias“) und wie ihn aus seinem tiefsten Inneren ein Zwang ergriff, seine Frau zu erstechen. „Sie war meine einzige Liebe, die Einzige, die mich verstand, und diejenige, die bis zuletzt Vertrauen in mich hatte. Und ausgerechnet sie habe ich umgebracht“, schluchzte er, der die Bluttat als „Sekundensache“ bezeichnete.

Bei seinem Vater sei es ähnlich gewesen. Immer sei er für ihn da gewesen, auch als er schon krank gewesen sei. Immer sei er stark gewesen, habe alles für ihn getan. „Ich habe ihn bewundert. Und trotzdem ist es geschehen. Denn wenn die Krankheit akut wird, bin ich nicht mehr ich selbst“, sagte der Angeklagte. Ob er dauerhaft in einer Klinik untergebracht wird, will die Strafkammer in der nächsten Woche entscheiden. (huh)



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