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Kinderpornografie

Säuglinge gefesselt und gefoltert

Von Joachim Baier, 09.09.10, 11:58h

Einer der größten Prozesse um Kinderpornografie im Internet hat in Darmstadt begonnen. Die Anklage gegen die Männer zwischen 30 und 58 Jahren, die sich nach und nach zusammengefunden haben, ist lang.

DARMSTADT - Die neun Angeklagten würdigen einander vor dem Landgericht Darmstadt kaum eines Blickes. Zu Beginn eines der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie im Internet mit mehr als 100 000 sichergestellten Sex-Dateien versteckt ein Hauptangeklagter sein Gesicht hinter einer Zeitung. Ein anderer Mann erscheint mit einer in die Stirn gezogenen Pudelmütze. Die Anklage ist mehr als 160 Seiten lang.

Die Männer im Alter zwischen 30 und 58 Jahren sollen sich „nach und nach zusammengefunden“ und als Drahtzieher zwischen 2006 und 2009 streng geheime Treffpunkte im Internet organisiert haben, wie Oberstaatsanwalt Rainer Franosch zu Beginn des Mammutprozesses sagte. Ziel: „Möglichst viele und aktuelle Bilder und Videos.“ Um Geld sei es nicht gegangen. In diesen „chats“ und „boards“ genannten Netzwerken sollen diese Dateien massenweise ausgetauscht worden sein - sogar Vergewaltigungen, Fessel- und Folterszenen.

„Das waren keine harmlosen Nacktbildchen“, sagte Franosch. Die Opfer: Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Ein Teil des Materials stamme aus Deutschland, sagte der Jurist. Die Aufnahmen hätten für ihn als Ermittler schon „eine erhebliche Belastung“ bedeutet. Rund 500 Nutzer sollen beteiligt gewesen sein, etwa 140 von ihnen wurden ermittelt. Gegen sie laufen gesonderte Verfahren.

Das Verlesen der Anklage dauerte drei Stunden

Die Frage nach einem möglichen Strafmaß wollte die Staatsanwaltschaft nicht beantworten. Die Strafkammer habe aber „eine Strafgewalt von bis zu 15 Jahren“, hieß es.  

Das Verlesen der Anklage dauerte knapp drei Stunden. Dies und Verfahrensfragen nahmen den größten Teil des ersten Prozesstages in Anspruch. Ein Hauptangeklagter muss sich zudem wegen des mehr als 20-fachen mitunter schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten - vor den Augen eines seiner Opfer, das im Gerichtssaal saß. Die heute junge Frau ist eine Nebenklägerin.

Im Internet habe sich die Bande „abgeschottet vom polizeilichen Zugriff“ zu bewegen versucht, sagte Franosch weiter. Die Männer seien „teilweise sehr konspirativ“ vorgegangen. „Die Treffpunkte konnten selbst mit Suchmaschinen wie Google nicht gefunden werden.“ Für die „streng hierarchisch aufgebauten“ Treffs seien Bezeichnungen wie „Zauberwald“ und „Sonneninsel“ gewählt worden. Teilnehmer hätten sich mit Spitznamen wie „Waldmeister“ getarnt. Wer dazugehören wollte, habe eine Art Aufnahmeprüfung bestehen müssen - „eine Keuschheitsprobe ablegen“, nannte dies ein Ermittler. Je mehr pornografisches Material herbeigeschafft wurde, umso höher sei ein Nutzer in der Hierarchie geklettert. Die Bande war nach einem Hinweis aufgeflogen. Die Ermittler waren auf mehr als 100 000 Dateien gestoßen. (dpa)



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