Von Martina Windrath, 08.09.10, 17:13h, aktualisiert 08.09.10, 17:14h
Hier geht es rund. Die steinerne Wendeltreppe im Treppenhaus ist so alt wie der nie in Betrieb gegangene Thenhovener Wasserturm mit dicken Wänden, anno 1906 bis 1908 gebaut. In den oberen beiden von vier Etagen öffnet keine Rapunzel die Tür, die das Haar wunderbar aus einem der vielen Fenster in alle Himmelsrichtungen herunterlassen könnte. Der Wohnungseigentümer Udo Arens bittet ins Reich ohne rechte Winkel. "Hier geht´s lang", sagt der Geschäftsführer eines Messebau-Unternehmens, der mit seiner Lebensgefährtin und dem anderthalbjährigen Sohn in einem Teil des denkmalgeschützten Baus wohnt.
"Die Treppe dort stammt aus der alten Worringer Kirche", erzählt Arens bei der Besichtigung der Wohnung, die auf unseren Fotos zu sehen ist. Die breiten Stufen führen ins Wohnzimmer mit vielen Fenstern. Blicke auf den S-Bahnhof und Siedlungsbauten Roggendorf-Thenhoven zur Straßenseite hin, auf der Rückseite ins Naturschutzgebiet Worringer Bruch. Der Wald ist ganz nah. Der Garten unten wird von allen Bewohnern genutzt.
Das ungewöhnliche Gebäude ist auf der Zugstrecke Köln-Neuss-Düsseldorf schon Tausenden aufgefallen, die sich gefragt haben, wer da wohl zu Hause ist. Udo Arens hat sich an die vorbeifahrenden Züge gewöhnt, "sogar unser Sohn lässt sich davon nicht im Schlaf stören". Die Eltern schlafen im ehemaligen "Tabakspeicher" - einem versteckt in der rund 160 Quadratmeter großen Maisonettewohnung liegenden Raum. Hier trocknete Trösser senior nach dem Krieg seine selbst gezogenen Tabakblätter. Wegen der vielen Treppen und Winkel hat sich Familie Arens allerdings schweren Herzens entschlossen, ihr Reich zu verkaufen. Kostenpunkt: 319 000 Euro. Mehr ist auf "Immobilienscout24" im Internet zu erfahren. Die Familie baut um die Ecke neu.
Kreativität ist bei der Einrichtung gefragt. Möbel von der Stange sind wegen des Grundrisses selten zu gebrauchen. Da wird eben nach Maß gebaut und nicht immer an der Wand lang aufgestellt. Das Herzstück ist mitten im Wohnraum der Kamin. Ein Laufgerät findet neben dem Fernseher ebenso Platz wie eine Sofa-Landschaft, dazu das große Laufgitter für den Kleinen. Runter geht es ins Schlafreich mit weißen Holzbalken, das Stimmung wie unterm Dach verbreitet. "Wir mögen es sehr hier, schade, dass wir ausziehen müssen", sagt Arens, der sich vor zehn Jahren in die Eigentumswohnung verliebte und sie kaufte. Einen Balkon hat er "aber schon manchmal vermisst". Doch der Garten, fast ein kleiner Park, entschädigt für manches. Zu ihm muss man die Stufen wieder heruntersteigen.
Vorbei geht es an der Wohnung der Eigentümer Paul und Katharina Trösser, die dort seit 45 Jahren leben. "Was haben Sie denn da für eine schöne Mühle? Diesen Satz haben wird schon oft gehört", sagt Paul Trösser. "Ständig fahren hier ja Leute vorbei, halten an und fotografieren", ergänzt seine Frau. "Dass es sich um ein Industriedenkmal handelt, ist vielen nicht bewusst", erklärt der frühere Architekt. Alteingesessene Worringer kennen dagegen "ihren" Turm. "Er ist nie in Betrieb gegangen, der Bauherr ging in Konkurs."
Trössers Großvater, Schreinermeister, erwarb das Anwesen 1929. Später wurde der rund 18 Meter hohe Turm zu Wohnungen ausgebaut, der etwa 400 Quadratmeter große Komplex umfassend modernisiert. Die Trössers wohnen im unteren Teil und im Anbau, der mit Abbruchmaterial des Turmes (er war einmal doppelt so hoch) errichtet wurde.
Das verwunschene Anwesen teilen sich drei Eigentümer. Ihr wohl schönster Platz ist der 1500 Quadratmeter große Garten. Er grenzt an das Naturschutzgebiet. Wenn die Besitzer unter der weinberankten Pergola im Schatten der Backsteinmauern sitzen, hören sie oft Komplimente: "Sie wohnen aber romantisch!"
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