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Interview mit Alan Bangs

„Die Leute sind nicht so doof“

Erstellt 09.09.10, 17:26h, aktualisiert 10.09.10, 12:05h

Als 1995 die Jugendwelle „Eins Live“ startete, gab es für Alan Bangs keine Zukunft mehr beim WDR. Jens Meifert sprach mit dem Musikjournalisten, den die „Rockpalast-Nächte“ populär machten über Formatradio, Chopin, Brel und Straßenköter.

Alan Bangs
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Alan Bangs (Bild: Meisenberg)
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Alan Bangs (Bild: Meisenberg)
Herr Bangs, schalten Sie das Radio ein, wenn Sie mit dem Auto zum Einkaufen fahren?

(lacht) Nein, ich höre so gut wie gar kein Radio.

Wie bitte?

Ich höre oft Musik im Internet. Da gibt es zum Beispiel einen kalifornischen Sender, den finde ich gut. Aber da treten Leute oft live auf, und es geht auch um Kino und Kultur. Grundsätzlich will ich mich von Musik im Radio nicht beeinflussen lassen. Ich will meine eigenen Sachen machen, deswegen hat mich auch das Formatradio nie interessiert...

... die Vereinheitlichung des Musikprogramms innerhalb eines Senders ...

... mit der unheimlich viel ausgeschlossen wird. Da gibt es Richtlinien, was nicht zum Programm gehört. Deshalb bin ich damals beim WDR rausgeflogen, weil ich Chopin nach Jacques Brel gespielt habe. Man hat mir gesagt, das gehört nicht zum musikalischen Spektrum. Ich bin nach wie vor stolz, dass man mich wegen Brel und Chopin rausgeschmissen hat, aber noch mehr finde ich es schade, dass junge Leute das nicht unbedingt hören sollen.

Wissen Sie noch, welches Brel-Stück es war?

Das war „Voir un ami pleurer“, und es war ein kurzes Stück von Chopin, das ich übrigens als Einleitung für die Einstürzende Neubauten genutzt habe. Ich fande immer die Mischung interessant, das Unerwartete. Gerade heute, wo alle Musiktitel im Netz verfügbar sind, muss man irgendetwas anbieten, was mehr ist als nur eine Ansammlung von Titeln oder Alben.

Sie haben Ihre legendäre Sendung „Nightflight“ wieder aufgelegt. Was ist nach 30 Jahren geblieben?

Wenig. Damals habe ich nie in die Musik gesprochen, das war heilig. Ansage, dann kam die Musik. Heute mische ich eine Stunde durchgehende Musik, wo Anfang und Ende eines Stückes nicht ganz klar sind, da moderiere ich dann auch rein. Wer ein Stück haben will, kann es sich eh für 99 Cent runterladen, der braucht ja nicht mehr die ganze CD, das war früher auch so ein Problem. Nach der ersten Sendung hat mit der Programmleiter gemailt, er habe sich das chinesische Stück bei „itunes“ gekauft.

Sie spielen chinesische Titel?

Klar, alles Mögliche, aus allen Ländern. Aber es geht nicht um eine Ansammlung von Songs, sondern wie das alles zusammengebaut wird.

Müssen die Stücke unbekannt sein?

Nicht unbedingt, ich hatte auch Grace Jones drin oder Madonna. Aber, ich will niemanden bedienen, es geht ums Entdecken, das ist der Unterschied zum Formatradio. Ich muss das kurz erklären: Es gibt etwa den Song „Hurt“ von Nine Inch Nails. Darin heißt es „I hurt myself today“, sich selbst Schmerzen zufügen, damit man überhaupt etwas spüren kann. Das war das Thema einer Sendung, da habe ich „Hurt“ von Johnny Cash drin gehabt, „Love hurts“ von Gram Parsons war drin und am Ende das zynische Stück von Randy Newman „I want you to hurt like I do“. Den Anfang der Sendung habe ich aber anmoderiert mit den kurzen Worten „No Pain, no gain“: ein „Flash Forward“, eine kurze Einleitung, deren Sinn sich erst später erschließt. Es ging in der Sendung vor allem darum, dass Menschen nicht kämpfen, um zu gewinnen, sondern um etwas zu spüren.

Hat jede Sendung ein Thema?

Nicht unbedingt, und das Thema erschließt sich nicht immer über den Text. Sehr oft ist es sogar gerade das, was nicht gesagt wird. Ich arbeite gerne mit Stimmungen, die Sendung ist jetzt viel experimenteller als früher.

Ist das Radiomachen, wie Sie es immer gewollt haben?

In gewisser Weise schon. Ich habe mich immer gefragt, wie weit kann man gehen. Die Übergänge sind mir sehr wichtig, teilweise lege ich Sachen 30 Sekunden übereinander oder schneide Stücke auf andere Längen.

Das ist ja alles keine Straftat. Warum geht so etwas nur in Nischen, und auf WDR 2 laufen Chris Rea und Toto in Endlosschleife?

Oder Chris de Burgh, noch schlimmer. Ich glaube, das Publikum wird total unterschätzt. Die Leute sind längst nicht so doof. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen müssen doch Musik anbieten. Bei EinsLive hat man mir immer gesagt, du musst dich verändern, das Publikum ist jetzt jünger. Aber wie haben sie nicht gesagt. Mir selbst war das Alter der Hörer aber immer egal.

Wo suchen Sie eigentlich Musik? Bei „Saturn“ eher nicht, oder?

Nicht mehr, obwohl da früher am Hansaring einige Freaks gearbeitet haben. Die kannte ich, und oft waren bestimmte Platten gar nicht im Regal. Davon kamen nur fünf Stück, und die fünf Typen hatten sich alle eine gesichert, weil sie wussten, die will eh keiner kaufen. Das war schön, aber die Zeiten sind andere geworden. Ich lese einige Musikzeitschriften und stöbere im Internet. Ich habe die Zeit, und finde immer wieder was.

Die Leidenschaft für Musik hat nicht gelitten?

Nein, wobei ich immer sage: Ich bin kein Sammler. Ich höre Musik, um sie im Radio zu spielen. Vor der neuen „Nightflight“-Sendung habe ich zehn Jahr lang nur vier Mal im Jahr eine Sendung im Bayerischen Rundfunk gehabt.

Nachtsession auf BR 2. Es gibt die hübsche Geschichte, dass Sie die Sendetermine nicht so recht nachvollziehen konnten.

(lacht) Ja, bis mir ein Redakteur erklärte: immer wenn ein Monat fünf Freitage hat. Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht. Ironischerweise war der BR lange der einzige Sender, der noch an mich geglaubt hat. Die Sendung wird übrigens beim WDR in Köln produziert und dann nach München geschickt.

Fühlen Sie sich unverstanden?

Nein, das nicht. Aber ich finde es einfach bescheuert: Es ist jetzt 15 Jahre her, dass ich diesen Ärger hatte, und im Grunde war es nicht mal Ärger. Ich habe immer gefragt: Gibt es ein Problem mit meiner Musik? Habt Ihr Beschwerden? Dann wäre ich der erste der geht. Das war offenbar nicht der Fall.

Trauen Sie manchmal dem Rockpalast nach?

Nein, weil es heute nicht mehr möglich wäre. Damals gab es kein MTV und keine Musikclips. Das würde heute nicht mehr funktionieren. Die beste Sendung die ich mal im Fernsehen gemacht habe, war vielleicht „Music News“ für Sat.1. Weil wir da nach Paris, Los Angeles, Dublin oder Berlin geflogen sind. Da wurden die Bilder in die Musik und die Interviews integriert. Es kam Samstags um viertel nach drei, das hat natürlich kein Mensch gesehen. Da haben wir etwa in New Orleans Willy de Ville in seinem Holzhaus im French Quarter gesprochen, der hat dann in der Dämmerung und im Unterhemd einen alten Blues auf seiner Akustikgitarre gespielt. Das war wunderbar.

Ihr bekanntestes Interview ist wohl das mit Mitch Ryder im Rockpalast. Obwohl es kein Gespräch war, weil er nach einer halben Flasche Jack Daniels kaum noch sprechen konnte. . .

. . . oder wollte.

Er hat Ihnen nicht geantwortet, aber Sie irgendwann gefragt, ob Sie schon mal gesehen haben, wie es zwei Hunde auf der Straße miteinander treiben.

Ja, wir hatten uns zwei Tage vor dem Auftritt kurz kennen gelernt, und er wusste, wenn auf der Bühne was passiert, wird es spannend. Das hat er ausgereizt.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews:



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