Von Melanie Trimborn, 08.10.11, 07:00h
Familie Müller (Namen von der Redaktion geändert) ist eine der seltenen Familien, die im Rheinisch-Bergischen Kreis ein Pflegekind in ihre Familie aufgenommen haben. Das vierjährige Mädchen Lila ist seit drei Jahren bei Familie Müller. „Wir sehen gar nicht mehr, dass es nicht unseres, sondern ein Pflegekind ist“, sagt Sabine, die Pflegemutter.
Angefangen hat alles vor drei Jahren. Das Ehepaar Müller hat selber bereits sechs Kinder – die meisten schon groß und aus dem Haus –, und Mutter Sabine hat eine Weiterbildung zur Tagesmutter gemacht. Ihr erstes Tages-Kind: Lila.
Schnell stellte sich heraus, dass die leibliche Mutter Probleme hatte: „Sie konnte den Bedarf des Kindes nicht abschätzen. Die Tasche, die sie mir brachte, war nie richtig gepackt“, berichtet die Pflegemutter. „Dazu kamen plötzliche Anrufe, die Kleine auch zusätzlich zu den abgestimmten Zeiten zu betreuen. Das Kind kam bei mir häufig müde und schlecht genährt an. Den Erziehungsanspruch, den ich als Tagesmutter habe, den konnte ich daher nicht anwenden.“
Und als dann ein Unfall des Kindes bei der leiblichen Mutter dazu kam, tauschten sich die Tagesmutter und das Jugendamt aus, und die Familie bemühte sich um eine Wochenbetreuung. „Das war für unsere Familie kein Zustand und auch nicht für das Kind.“ So wurde aus einer Wochen- eine Dauerbetreuung.
„Wir haben es nicht verstanden“, sagt die heute 19-jährige Tochter. „Wir waren damals in einem Alter, in dem wir uns alleine beschäftigen konnten – und dann plötzlich so was.“ Aber schön findet sie es heute auch und will sich die Kleine Lila im Familienalltag nicht mehr wegdenken.
„Heute ist Lila ein ganz normales Kind“, sagt Mutter Sabine. Was man als Pflegemutter bei einem Pflegekind allerdings beachten müsse und nicht vergessen dürfe, ist, dass das Kind eine „Geschichte“ habe. So braucht Lila etwa immer ihren Bären. „Es ist gut, dass es Schulungen und Fachvorträge gibt, die die Probleme beleuchten. Das ist eine große Unterstützung“, sagt Vater Johannes.
Es gab da auch schon Situationen, in denen diese Angebote vom Jugendamt sehr hilfreich waren. Zum Beispiel als Lila nicht in den Kindergarten wollte: „Sie krampfte, zog ihre Jacke nicht aus“, berichtet Mutter Sabine. Erst die Beraterin des Familienbildungswerkes fand heraus, dass dieses Verhalten mit den Begegnungen mit der leiblichen Mutter im Spielzimmer des Kinderschutzbundes zu tun hatte. Diese Treffen finden regelmäßig statt, um den Kontakt zwischen Mutter und Kind beizubehalten.
Lila will dort meist nicht hin. Für sie heißt es dann immer: Rucksack anziehen, im Gebäude die Treppe hochgehen, Jacke ausziehen, ins Spielzimmer gehen, die Mutter treffen. Genau diesen Ablauf hatte Lila auch im Kindergarten. Als Mutter Sabine für die Kita einen anderen Rucksack kaufte und es dort eine Treppe runter statt hoch ging, war das Problem behoben, und Lila besucht seitdem genau wie andere Kinder auch den Kindergarten. „Es leuchtet jetzt ein, aber selber wären wir da wahrscheinlich nicht drauf gekommen“, sagt der Vater. „Wir nehmen die Angebote daher gerne an.“
„Solch eine Familie ist natürlich ideal für ein Pflegekind“, sagt Gerhard Weber vom Kreisjugendamt. Immer wieder gibt es Kinder, die verwahrlost und misshandelt werden. Für solche Kinder stellt eine Pflegefamilie eine sinnvolle Alternative zum Kinderheim dar. Pflegeeltern werden im gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis gesucht. „Wir suchen eigentlich immer Familien für akute Fälle“, so Weber. Etwa 100 Kinder seien stationär in einem Heim. „Es soll Liebe und Zuneigung auf Zeit sein“, so Weber. Der Pflegekinderdienst bereitet die Familien auf ihre Aufgabe vor und ist beratend, unterstützend und informierend tätig – während der Vermittlung des Kindes, aber auch in der Zeit des Zusammenlebens mit dem Pflegekind.
Das Jugendamt zahlt für den Unterhalt des Kindes und einen Beitrag zu den Kosten der Erziehung. „Aber das ist nicht so viel. Eigentlich ist die Aufgabe einer Pflegefamilie wie ein Ehrenamt“, sagt Weber. „Diese Aufgabe ist eine Herzenssache“, bestätigt Thomas Straßer vom Amt für Jugend und Soziales des Kreises. Die Eltern sollten viel Engagement, Liebe für das Kind mitbringen, zeitliche Ressourcen haben, das Jugendamt ins Leben lassen wollen, und sie müssen mit den Problemen der Pflegekinder und eventuellen Rückschlägen offen umgehen können. Lila hat das Glück gehabt, ein Zuhause bei den Müllers gefunden zu haben, die diese Zusammenführung zufrieden als „Fügung“ bezeichnen.
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