Von Birgit Eckes, 10.12.11, 07:06h
Das wollte Wittwer, der Gladbacher Feinschmecker, natürlich nicht auf seinen Landsleuten sitzen lassen. Im kulinarischen „Richtungsstreit“führte er Rheinischen Sauerbraten, aromatische Kartoffelgerichte, „sur Bunne“ und vieles andere mehr gegen den in der Kochpovinz Essen Aufgewachsenen ins Feld – nicht zuletzt das Bier, „für das das Rheinland ja wohl weithin berühmt ist“. Doch selbst das lässt Werner nicht gelten und kontert: „Ich trinke Weißbier.“ Ungerührt mäkelt der Gottesmann weiter: „Die Küche hier in der Region war immer eine Arme-Leute-Küche, und das merkt man heute noch.“ Keine Produktkultur wie in Frankreich, keine Mamma-Küche wie in Italien, nicht mal ein Hauch von Regionalstolz, wie man ihn im Schwarzwald, Franken oder Schwaben findet. „Im Rheinland gibt es gar nichts Besonderes, und gesessen wird durcheinander.“ Solche hartnäckigen Vorurteile lassen sich nur mit handfesten Gegenargumenten bekämpfen, und beherzt schritt Malte Wittwer zur Tat, nachdem er Verleger Alfred Rass von der Notwendigkeit seiner Mission überzeugt hatte. „Meine Idee war: Die rheinische Küche in ihren traditionellen und modernen Möglichkeiten zu zeigen“, erklärt Wittwer beim Lokaltermin in der Malteser Komturei, wo Küchenchef Ralf Balzer Kürbissuppe, Rheinischen Sauerbraten mit Kartoffelklößen und ein hinreißendes Sanddornparfait serviert.
„Das sind alles Zutaten, die eine lange Tradition im Bergischen haben“, erklärt Wittwer: Die Kürbissuppe ist leicht mit Ingwer, gerösteten Kernen und Kürbiskernöl aromatisiert. Der Sauerbraten ist zart, die Sauce fruchtig, der Rotkohl handgeschnitten und die Klöße aus frischen Kartoffeln. Von wegen Plumpsküche! Dass dicke Bunne, Rievkooche und Co. aus Gemüse hergestellt werden, das nicht naturgemäß in Mehl schwitzt und in Ölseen badet, wissen längst auch die hiesigen Eliteköche. Joachim Wissler, Nils Henkel, Dieter Müller, Christopher Wilbrand, Toni Richerzhagen, Arndt Brüggemann – sie alle haben Rezepte beigesteuert, die der Autor in seinem Buch geschickt mit den „Klassikern“ mixt: „Es war ganz einfach, sie für die Idee zu begeistern.“ Unprätenziös schönhat der Fotoprofi und gelernte Designer die Gerichte in Szene gesetzt, so dass ein zeitgemäßes Kochbuch entstanden ist, das sich von vergleichbaren Druckerzeugnissen der Brauchtumsbranche wohltuend abhebt. Zwischen A wie Apfelwaffeln und Z wie Zwetschgengrütze finden sich Lieblingsrezepte für jedermann. Topfavorit von Rass ist die Schnibbelbohnensuppe, ganz fein ist bergischer Bachsaibling von Nils Henkel, originell ein Sauerbraten vom heimischen Wild oder der „Bensburger“, den Toni Richerzhagen aus Reibekuchen, Tartar und Pfifferlingen erfunden hat. „Da sieht man doch, dass es bei uns viele tolle Produkte gibt, mit denen man hervorragend kochen kann“, trumpft Joachim Wittwer am Ende zufrieden auf und nimmt den letzten Löffel Sanddorn-Dessert („Sanddorn wächst massenhaft im Bergischen“). „Wollen wir mal hoffen, dass sich das herumspricht“, entgegnet Pfarrer Werner gnädig. „Ich muss ja zugeben, dass noch nicht Hopfen und Malz verloren sind.“ Aber Kölsch, das mag er wirklich nicht . . . Joachim Wittwer: Bergisches Kochbuch, Rass’sche Verlagsgesellschaft, Bergisch Gladbach, 171 S., mit Anhang, 29,80 Euro
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