Von Philipp Schumacher, 02.01.12, 07:04h
Zu diesem Zeitpunkt war die zwischen 1686 und 1717 erbaute Kirche im Stil der „Jesuiten-Gotik“ ein Sanierungsfall auf ganzer Linie. Im Laufe der Jahrhunderte hatten Feuchtigkeit und Schimmelpilze die Bausubstanz stark angegriffen: Nord- und Südturm waren vom Taubenkot so angefressen, dass sie komplett erneuert werden mussten. Ganz zu schweigen vom Pferdeurin: die Franzosen nutzten das Gebäude vor 200 Jahren als Stall.
Das führte auch dazu, dass das Erzbistum Köln und die Münster-Gemeinde den Mietvertrag mit dem Land Nordrhein-Westfalen nicht verlängerten und ein neuer Nutzer des Sakralbaus gesucht wurde. Seitdem ist viel passiert in der Bonngasse. Neben den umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde eine neue Wasserdrainage im Rückraum gelegt, dabei stießen die Arbeiter auf Funde aus dem Mittelalter, die Architekten über Wochen zunächst einmal aufnehmen mussten.
„Zugänge zum Mysterium des Glaubens“
Gestern standen die Besucher der ersten Messe an neuer Stätte mit offenen Mündern in der Kirche und staunten über das Ergebnis. Sie wird in Zukunft die erste und einzige Kathedralkirche der Altkatholiken sein, also mit einem Lehrstuhl des Bischofs ausgestattet sein.
Der Barockaltar und die hohe Säulenhalle mit blauer und güldener Verzierung verleihen dem Inneren Glanz. Von außen liegt die Fassade wieder komplett frei, nachdem sie mehr als ein Jahr von einem dicken Gerüst umschlossen wurde. Die Finanzierung von rund 7,5 Millionen Euro hat das Land übernommen, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW tritt als Bauherr auf. Es ist also nur allzu verständlich, wenn Priesterin Henriette Crüwell zu Beginn sagte: „Wow, ist das schön.“ Vor vollem Gotteshaus hielt Bischof Ring die Messe ab und betonte in seiner Predigt, dass der Ort „mitten unter den Menschen in der Innenstadt Zugänge zum Mysterium des Glaubens eröffnen soll“. Im Rahmen der ersten Messe weihte der Bischof sowohl die drei neuen Glocken ein, die am 29. Februar erstmals erklingen sollen, als auch den Altar.
Den aus der Dicken Eiche im Kottenforst gefertigten Altar stellte der Bad Godesberger Künstler Klaus Simon über einen Zeitraum von fünf Wochen gemeinsam mit dem Bischofsstuhl und dem Ambo her. „Im Wald ist Ganzheit“, erklärte Simon.
Seine Werke stünden im Gegensatz zu den verspielten Barockelementen in der Kirche. Der Bischofssitz ist dabei so angelegt, dass man ihn kaum als gemütlichen Thron bezeichnen kann. Er solle zeigen, dass das Amt den Bischof umgibt und nicht umgekehrt.
Ursprünglich Reformkirche
Dass die Namen-Jesu nun zu Bischofssitz wird, hat mit der mittlerweile festen Verankerung der ursprünglich als Reformkirche gedachten Bewegung zu tun. Die Altkatholiken spalteten sich 1870 nach dem ersten Vatikanischen Konzil von der römisch-katholischen Kirche ab (siehe rechter Kasten) und war eigentlich als „Notkirche“ gedacht. „Sie war ein Provisorium. Aber nach mehr als 140 Jahren muss man sich fragen, wie provisorisch ein Provisorium sein kann“, betonte Bischof Ring.
Bis die Barock-Kirche in der Bonngasse komplett fertig ist, dauert es noch bis zum Sommer. Nach bisherigem Stand ist am 2. Juni die feierliche Eröffnung geplant. Bis dahin müssen noch kleinere Arbeiten erledigt werden. Unter anderem muss der südliche Flügel zugebaut werden, dort führt der Notausgang der Thalia-Buchhandlung (ehemaliges Metropol) entlang.
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