Von Ronald Larmann, 26.01.12, 07:01h
Die Menschen, die am Mechernicher Weg, am Schimmelsweg und an der Weierstraße wohnen, fühlen sich durch das hohe Verkehrsaufkommen über Gebühr belastet. Eine Ortsumgehung im Osten lässt sie auf Entlastung hoffen. Doch ist das wirklich berechtigt? In einer Bürgerversammlung im Rathaus wurden am Dienstagabend erneut die Ergebnisse der Umweltverträglichkeitsstudie (UVS), die der Kreis Euskirchen als möglicher Bauherr der geplanten Osttangente in Auftrag gegeben hatte, von den Gutachtern vorgestellt. Das hatten sie bereits in einer Ratssitzung im vergangenen Jahr getan, doch wegen der Komplexität des Themas wurde beschlossen, die Bürger nochmals zu informieren. Knapp 200 machten von diesem Angebot Gebrauch und füllten den Ratssaal. Ein Zeichen dafür, dass der Ostring polarisiert. Die einen wollen ihn haben, die anderen wollen ihn unbedingt verhindern.
Und Letztere schienen – zumindest was die Zahl der Wortmeldungen in den Diskussionen anging – in der Mehrheit zu sein. Vor allem die Bürgerinitiative „Kontra Ostring“ erhob ihre Stimme. „Die Bürgerinitiative sieht sich durch die UVS bestärkt in ihrer Forderung, den Bau des Ostrings zu unterlassen und stattdessen die Situation in der Stadt durch sinnvolle und effiziente Maßnahmen zu entschärfen“, so Bernd Rudolph. Denn im Fazit der Gutachter heißt es: „Das Ziel, die Wohn- und Wohnumfeldfunktion durch den Bau der Osttangente mit einhergehender Verkehrs- und Lärmentlastung erheblich aufzuwerten, kann nur eingeschränkt erreicht werden. Aus gutachterlicher Sicht hat Priorität, dass aktuell unbelastete Siedlungsbereiche mit ihrem Wohnumfeld von zusätzlichen Lärmbelastungen freigehalten werden sollen. Dieser Aspekt ist ausschlaggebend für die Empfehlung der Nullplus-Variante.“
In dieser Variante wird auf den Bau des Ostrings verzichtet, gleichzeitig gehen die Gutachter von einer Ortsumgehung Roggendorf, einem vierspurigen Ausbau der B 266 und dem Durchstich des Bahnhofsbergs aus. Letzteres Projekt geriet in der Versammlung besonders in den Fokus. Denn Achim Blindert, Geschäftsbereichsleiter Bauen, Umwelt, ÖPNV und Abfall beim Kreis Euskirchen, sagte: „Die Kreispolitik hat entschieden, erst den Durchstich abzuwarten, dann die Auswirkungen zu untersuchen und sich dann erst wieder dem Thema Ostring zu widmen.“ Doch bis es soweit ist, kann es noch dauern, denn der Bau des Durchstichs verzögert sich (siehe Kasten).
Peter von Wilcken, Grünen-Fraktionschef im Mechernicher Stadtrat, machte unterdessen seine eigene Rechnung auf: „Lassen wir für den Bau des Durchstichs mal fünf Jahre ins Land gehen. Dann werden die Auswirkungen untersucht, was nochmal ein bis zwei Jahre dauert. Und schließlich muss der Ostring noch fertig geplant und gebaut werden, was sicherlich bis zu fünf Jahre dauert.“ Die Anwohner am Mechernicher Weg, am Schimmelsweg und an der Weierstraße müssten also über zehn Jahre auf eine – womöglich nutzlose – Lösung warten. „Es muss vorher etwas passieren. Da müssen wir uns zusammensetzen, um eventuell kleinteilige Lösungen für den Verkehr zu finden“, so von Wilcken.
Gutachter und Bürger brachten unter anderem eine Einbahnstraßen-Lösung für die betroffenen Straßen ins Gespräch. „Das würde den Verkehr zwar schlagartig halbieren, ist aber wohl nicht realistisch umsetzbar“, so Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick. Ein Problem seien vor allem die Rettungsfahrzeuge, die dann vom Krankenhaus aus womöglich große Umwege zu ihren Einsätzen fahren müssten, gab ein Bürger zu bedenken. Eine weitere Anregung war die Nutzung von Flüsterasphalt. „In Verbindung mit einer Tempo-30-Zone würde uns das um 5 dBA entlasten“, sagte eine Bürgerin. Das wäre zumindest eine größere Lärm-Entlastung, als die Gutachter durch den Bau des Ostrings prognostizieren. Denn dadurch würden Mechernicher Weg, Schim-melsweg und Weierstraße lediglich um 2 bis 3 dBA entlastet. Ein Wert, der laut Gutachterin kaum wahrnehmbar ist – ein gefundenes Fressen für die Ostring-Gegner. „Die Entlastung um rund 3 dBA ist lächerlich. Der Bau des Ostrings hat für mich keine Vorteile, sondern ausschließlich Nachteile. Er macht in keinster Weise Sinn“, so die Feststellung einer Bürgerin, die dafür reichlich Applaus erhielt.
Das Gegenargument von Bürgermeister Schick, dass bei der Entlastung der Bürger nicht nur der Lärm betrachtet werden dürfe, ging da fast unter. „Es geht hier auch um eine verminderte Schmutzentwicklung, die erhöhte Lebensqualität, wenn weniger Autos über die Straße fahren und dass es einfacher und sicherer ist, sich als Fußgänger auf der und über die Straße zu bewegen“, so Schick weiter. Der Bürgermeister machte schließlich deutlich, dass über Bau oder Nichtbau „letztlich die Politik in Mechernich und im Kreis zu entscheiden hat“. „Es wird ein schwieriger Abwägungsprozess und eine Kostenfrage“, sagte Schick, der sich am Ende der über dreistündigen Diskussion noch dem Vorwurf ausgesetzt sah, die Unwahrheit gesagt zu haben. „Sie haben in einem Gespräch mit uns mal gesagt, dass Sie sich gegen des Bau des Ostrings aussprechen würden, wenn die UVS dem Bau entgegenstünde. Und jetzt wollen Sie davon nichts mehr wissen“, sagte Bernd Rudolph von der Bürgerinitiative „Kontra Ostring“. Dem erwiderte Schick: „Sie legen mir da Worte in den Mund, darüber brauche ich nicht zu diskutieren.“
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