Schriftgröße

Charakterschauspieler

Charakterkopf des deutschen Films

Von Hartmut Wilmes, 27.01.12, 11:41h

Er spielte die Unbequemen, die Außenseiter. Und wer sein markantes Gesicht einmal sah, behielt es in Erinnerung. Jetzt starb Vadim Glowna im Alter von 70 Jahren überraschend in Berlin - laut Klinik nach einer kurzen und schweren Krankheit.

Vadim Glowna
Bild vergrößern
Der Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna (Bild: dpa)
Vadim Glowna
Bild verkleinern
Der Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna (Bild: dpa)
Er war der stille Brüter des deutschen Films, ein Mann, in dem irgendetwas brodelt, das die Fassade fast zerreißt. Vadim Glowna, der jetzt nach kurzer Krankheit mit 70 Jahren starb, suchte fast nie den schrillen Exzess, sondern stets eine stille, umso beunruhigendere Intensität. Das war schon 1969 in Peter Lilienthals Fernsehfilm "Horror" so, durch den Glowna als halluzinierend-verfolgungswahnsinniger Einzelgänger geisterte - ebenso bemitleidenswert wie gefährlich.

Randfiguren lagen dem in St. Pauli aufgewachsenen Eutiner, der Clochard in Frankreich, Seemann und Schlagzeuger war, bevor ihm Gustaf Gründgens, Kurt Hübner und Claus Peymann andere Perspektiven boten. Glowna wurde Karl Moor in den "Räubern" oder Melchior in "Frühlings Erwachen" und hatte gleich einen ganz eigenen Ton, eine Außenseiter-Aura, die Kino und Fernsehen gern nutzten.

Nach dem Filmdebüt in Johannes Schaafs "Im Schatten der Großstadt" (1964) zählte er bald zu den gefragtesten Mimen seiner Generation. Ausflüge nach Hollywood (Sam Peckinpahs allenfalls mittelprächtiger Kriegsfilm "Steiner - Das eiserne Kreuz") oder Gastspiele in Europas Cineasten-Elite (Claude Chabrols Henry-Miller-Reinfall "Stille Tage in Clichy") brachten ihm weniger Glück als die Glanzzeiten des deutschen Fernsehfilms.Man sah ihn als "Blaubart" nach Max Frisch, in Feuchtwangers "Exil" oder in Peter Beauvais' nuancierter Verfilmung der Martin-Walser-Novelle "Ein fliehendes Pferd". Virtuos spielte er darin den Dauerzauderer Helmut Halm, der das Bodensee-Ufer eher schätzt als das schwankende Segelboot. Mochte dem Mimen die gebrochene Nase eine gewisse Verwegenheit geben, so wurde die von der heiseren Stimme gleich wieder revidiert. Die Bosheit seiner Figuren speiste sich oft eher aus Schwäche. So war Vadim Glownas größte Rolle wahrscheinlich jene, die er in unzähligen Fernsehkrimis immer ein wenig anders und doch unverkennbar verkörperte: der undurchsichtige Nachbar hinter der Gardine, der bis zum Geständnis an irgendeinem schmutzigen Geheimnis herumdruckst.

Der von 1967 bis 1990 mit seiner Kollegin Vera Tschechowa verheiratete Schauspieler meinte über diese Prototypen: "Die Strauchelnden, die ich spiele, sind meist nicht stark genug, sich aufrecht zu halten." Er selbst hingegen hatte stets die Kraft, gegen den Mainstream zu schwimmen. Vor der Kamera wurde er Stammgast in den Filmen des Radikalregisseurs Oskar Roehler (am verrücktesten als wirrhaariger Waffennarr in "Agnes und seine Brüder").

Und als Regisseur leuchtete er in reizvolle Nischen. Seine Großstadtballade "Desperado City" wurde 1981 in Cannes als bestes Debüt gefeiert. Und sein letzter Film "Das Haus der schlafenden Schönen" (nach Yasunari Kawabatas Roman) war eine unbequeme Reflexion über das Altern.

Glowna selbst spielt darin einen Mann, der über den Unfalltod von Frau und Tochter nie hinweggekommen ist und sich in einem Etablissement zu trösten versucht, in dem alte Männer neben jungen narkotisierten Mädchen liegen dürfen. Ein Film, der klarmacht, dass es in Glownas besten Momenten immer um Schmerz ging.



Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Kettcar

04. März 2012,
E-Werk Köln

 

Kino & Film - Suche


Bildergalerien


Videonews Kultur


Extra


Rundschau-Service


RHEINLAND WETTER


Extra


Dienste