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Gottesdienste für Demenzkranke: Vertrautes im Glauben finden

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Zum Gottesdienst in der Thomaskirche kommen Erkrankte und Angehörige. (Fotos: Belibasakis) 
Vielleicht weiß er nicht mehr, wie er hierher gekommen ist. Oder wo genau er sich gerade befindet. Aber das ist in diesem Moment auch nicht so wichtig. Herr Nierhoff hat sich schick gemacht. Sein Blick wirkt klar und offen. Von
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Vielleicht weiß er nicht mehr, wie er hierher gekommen ist. Oder wo genau er sich gerade befindet. Aber das ist in diesem Moment auch nicht so wichtig. Herr Nierhoff hat sich schick gemacht. Er trägt ein Tweedjackett, darunter Weste und Schlips. Sein Blick wirkt klar und offen, als Pfarrerin Eva Esche auf ihn zukommt und ihm, wie allen Gottesdienstbesuchern an diesem Vormittag, mit einem liebevollen Händedruck einen Schokoladen-Marienkäfer überreicht.

In der evangelischen Thomas-Kirche im Agnesviertel geht es an diesem Tag ein bisschen anders zu als sonst. Da ist die muslimische junge Frau mit dem Kopftuch, vorne in der ersten Reihe, die eine Gruppe Seniorinnen der „Demenz-WG Barbarossaplatz“ begleitet. Da ist die ältere Dame, die plötzlich mitten im Gottesdienst aufsteht und beginnt, vor sich hin zu reden. Da ist der Schallplattenspieler, der neben dem Altar auf der Kanzel steht, und auf dem Diakon Andreas Mittmann zwischen apostolischem Glaubensbekenntnis und „Vater unser“ eine Platte der „Comedian Harmonists“ abspielt. „Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück“, singt das Berliner Vokalensemble der 1930er Jahre. „Irgendwo auf der Welt gibt's ein bisschen Seligkeit.“

Der „Demenzgottesdienst“ ist ein ökumenisches Pilotprojekt des „Demenz-Service-Zentrum Region Köln“, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung. Das Ziel: Demenzkranke, die oft mehr oder weniger unbemerkt aus dem Gemeindeleben „verschwinden“, sollen wieder integriert werden.

Die Idee zum „Demenzgottesdienst“ kam der Heil- und Gemeindepädagogin Antje Koehler im Sommer vergangenen Jahres. Seit sieben Jahren arbeitete die heute 37-jährige da bereits als Seelsorgerin in der Gerontopsychiatrie. „Menschen mit Demenz gibt es in unserer Gemeinde nicht.“ Der Satz, den Koehler damals oft gehört hat, betrübt sie. 31 000 Menschen in Köln leiden an Demenz, so die offizielle Zahl. Eine Schätzung, vermutlich sind es deutlich mehr, glaubt Koehler.

und Netzwerke für Betroffene will Pfarrerin Eva Esche aufbauen. Es gehe darum, langjährige Mitglieder der Gemeinde nicht aufzugeben.
und Netzwerke für Betroffene will Pfarrerin Eva Esche aufbauen. Es gehe darum, langjährige Mitglieder der Gemeinde nicht aufzugeben.

Als Pfarrerin Eva Esche von dem Projekt „Dabei und mittendrin“ erfuhr, war sie sofort begeistert. An das Thema Demenz trauen sich nicht alle Gemeinden so offensiv heran. Vielen fehle der Mut, sagt Koehler. Aber die Auswirkungen sind überall zu spüren: der fast unmerkliche Rückzug von Menschen, die jahrelang zum festen Stamm der Kirchengemeinde gehört haben. Der Rückzug geschehe meist „aus Scham und Verunsicherung“, sagt die Pädagogin.

Seit zehn Jahren lebt Edith Nierhoff mit der Krankheit ihres Mannes. „Dieser schleichende Prozess ist eine Dauerbelastung, die einen zermürbt“, sagt die Seniorin. Sie und ihr Mann sind katholisch. Zum „Demenzgottesdienst“ in der evangelischen Thomaskirche sind sie trotzdem gekommen. Edith Nierhoff hat für den Gottesdienst vorab sogar Werbung gemacht und Handzettel verteilt.

KONTAKT

Nach dem ersten Demenz-Gottesdienst hat auch Pfarrerin Eva Esche eine positive Bilanz gezogen. Der Gottesdienst sei sehr gut angenommen worden von der Gemeinde.

Esche möchte nun eine Gesprächsgruppe für Angehörige von Demenzerkrankten gründen. Interessierte können sich unter der Kölner Telefon-Nummer 7 39 31 56 mit ihr in Verbindung setzen. Der nächste Demenzgottesdienst in der Thomaskirche findet am 20. Juli statt. (jkb)

www.demenz-service-koeln.de

„Es hat mich sehr berührt“, sagt sie anschließend. Auch ihrem Mann hat der Gottesdienst gefallen. „Er liebt es, zu singen“, erzählt sie. Dass gerade das Singen den Erkrankten Kraft geben kann, bestätigt auch Antje Koehler aus ihrer langjährigen Erfahrung: „Die Menschen richten sich wieder auf, wenn sie feststellen: Ich konnte alle Strophen von ,Oh, du fröhliche’ auswendig mitsingen!“

Im Unterschied zum normalen Gottesdienst ist der Demenzgottesdienst besonders stark geprägt von vertrauten Elementen und traditionellen Liturgiegesängen, wie zum Beispiel „Großer Gott, wir loben dich.“ Manfred Stecke ist mit seiner 81-jährigen Mutter gekommen. Als sie die Lieder der Comedian Harmonists gehört hat, sei sie richtig aufgeflammt, erzählt er. Eigentlich sei er kein Kirchgänger. Aber als seine Mutter bei einem Spaziergang vor zwei Jahren spontan eine Kirche betrat und – in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit – zu beten begann, habe er gesehen, wie viel Kraft die Spiritualität ihr gebe. Seitdem begleitet er sie regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst. Um dort Vertrautes zu finden.

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