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Kölner Musiktriennale: Wie klingt eigentlich „Klang“?

KÖLN. Es begab sich 2007, kurz nach der musikalischen Umsetzung der 21. Stunde, dass der Meister zurückkehrte nach Sirius, der Heimstätte, in der er ausgebildet wurde. Karlheinz Stockhausens letztes Werk, ein auf die 24 Stunden hin konzipiertes Werk „Klang“, blieb unvollendet. Jetzt war der Torso in Köln erstmals als Zyklus erfahrbar- beziehungsweise ergehbar.

An neun verschiedenen Orten spielte die Musik des mithin berühmtesten E-Musik-Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Bekanntheit verdankt er allerdings eher seinem weltfremd-befremdlichen Nimbus als akustischer Bürgerschreck denn seinen Meriten als Wohltäter und Beschaffer musischer Freuden. Seine tatsächlichen Jünger sind daher gezählter als erhofft: Der Ansturm auf Köln als neues Bayreuth des Kürtener Meisters blieb - zumindest am Samstag - aus.

Wer sich allerdings aufmachte, um einige der rund 170 Konzerte an neun Spielstätten und an zwei Tagen zu erwandern, der spürte den möglichen Sog der Botschaft Stockhausens. „Stockhausens Musik ist kaum beschreibbar“, so beantwortete ein praktischer Folder die selbst gestellte Frage: „Wie klingt Klang?“ Aber es ist hilfreich zu wissen, dass die im Werk verstreuten Textbausteine dem Buch „Urantia“ entstammen, das himmlische Wesen im letzten Jahrhundert einem amerikanischen Medium diktiert haben. Auf diesen 1955 erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen basierte bald eine Glaubensgemeinschaft.

Karlheinz Stockhausen bezog sich bereits in seiner Vertonung der Wochentage „Licht“ auf diese kosmologische Schrift. Und auch in seiner rein elektronischen Musik bedeuten 24 überlagerte Klangschichten die Rotationen von Monden und Planeten - am dichtesten kreisen sie im zentralen Werk „Kosmische Pulse“.

Einige Impressionen: In der Christuskirche war eingeheizt. Das Publikum war von Lautsprechern umstellt, auf denen im Stück „Jerusem“ klingende Sonnen surrend kreisten. Dazu intonierte Tenor Hubert Mayer in - wie vom Komponisten vorgeschrieben - orange-farbenem Hemd zu weißer Hose einen hochkomplexen Gesang mit weiten Sprüngen und noch weiterem Ambitus.

Melvyn Poore, eigentlich Tubist, mischte die Stimme in die elektronische Vorlage. Im Praetorium, der heute unterirdisch gelegenen Steinlandschaft aus römischer Zeit, waren Lautsprecher verteilt, aus denen ebenfalls Klangschichten („Urantia“) herauswirbelten, dazu eine vorproduzierte Sopranstimme. Die Musik klang mindestens so weit weg wie die konkrete Vorstellung römischen Stadtlebens: die Kombination wirkte archaisch-mystisch.

„Glück“ ließ sich im Studio der „musikFabrik“ erleben. Das Ensemble zeichnete für die Wiedergabe des Gesamtwerkes verantwortlich, und die Ausführung gelang vorzüglich. Die solistischen Stücke wurden stets auswendig aufgeführt, eine aufwendige Prozedur. Im Studio, zwei Stockwerke unter der Erde, führten drei Doppelrohrblatt-Experten in grünen Hemden dieses Terzett zum ersten Mal überhaupt auf. Mehrere Uraufführungen waren zu erleben, so auch „Uversa“ für Elektronik und Bassetthorn im Domforum. Zunächst musste hier ein Trompeter gestoppt werden, der heftig bejubelt Karnevalslieder auf der Domplatte präsentierte. Dann begann der Bassetthorn-Virtuose Michele Marelli, Hemd orange, seinen anspruchsvollen Vortrag, getragen vom Kugelgesang der kosmischen Pulse, gewürzt mit vorproduzierten hochtrabenden Worten aus der unheiligen Schrift.

Der Blick in strömende Touristengruppen, spielende Kinder, Taschen schleppende Einkäufer, pulsierendes Stadtleben halt, prallte hart gegen die dem Bassetthorn abgerungenen höchsten Instrumentalkünste, die der Kenner Stockhausen dem Virtuosen abfordert. Dazwischen drängte sich ein Gedanke: „Ob wohl in der Welt irgendwer weiß, wie ein Bassetthorn aussieht oder klingt?“ „Es werden immer mehr“, würde Stockhausen antworten. Sein Werk „Klang“ ist nun aufgeführt.


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