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„Poetica“ über „Blue Notes“: Eindrucksvoller Auftakt zum zweiten Kölner Literaturfestival

"Poetica"-Start mit (v.l.): Bernardo Atxaga, Paul Muldoon, Ana Ristovic, Günter Blamberger, Lavinia Greenlaw, Ales Steger, Sjón, Ilma Rakusa, Georgi Gospodinov und Juri Andruchowytsch.

"Poetica"-Start mit (v.l.): Bernardo Atxaga, Paul Muldoon, Ana Ristovic, Günter Blamberger, Lavinia Greenlaw, Ales Steger, Sjón, Ilma Rakusa, Georgi Gospodinov und Juri Andruchowytsch.

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Costa Belibasakis

Köln -

Lavinia Greenlaw hat ihr Blau in der Dunkelheit des arktischen Mittwinters gesehen und ein wunderbares Gedicht darüber verfasst. Ihrem slowenischen Kollegen Ales Steger schien es als Kurator der zweiten Kölner "Poetica" fast so, als wäre dieses Werk eigens für die Festivaleröffnung in der Aula II der Universität geschrieben worden. Schließlich geht es in den nächsten Tagen um "Blue Notes" und Melancholie.

Vor die Verse hatte das Programm drei Grußworte gesetzt, wobei Uni-Rektor Axel Freimuth als Physiker festhielt: "Blau ist eine Kurzwelle". Aber eben auch eine Stimmung oder Geisteshaltung, wie die neun geladenen Dichterinnen und Dichter in ihren Poemen und Interviews zeigten. Da stellt die Schweizerin Ilma Rakusa beim Inventarisieren der Schönheiten Venedigs fest, dass ausgerechnet jener Mensch fehlt, mit dem sie diese erlebte. Für sie entsteht Melancholie aus dem "permanenten Leiden an der Vergänglichkeit". Georgi Gospodinov kommt aus Bulgarien, das von der Zeitschrift "The Economist" als traurigster Ort der Welt bezeichnet wurde. "Wir sind Weltmeister der Schwermut", meinte er - und vertrieb diese sogleich mit der wunderbaren "Technik zum Entgräten von Texten". Was der Autor meinte, zeigte Stefko Hanushevsky (Schauspiel Köln) im deutschen Vortrag: Man nimmt einfach alle Konsonanten heraus und erhält einen weichen Wortbrei. Mit Kollegin Lou Strenger teilte er sich den Vortrag der Übersetzungen, während Philipp Pleßmann musikalische Einschübe beisteuerte.

Günter Blamberger vom mitveranstaltenden Kolleg Morphomata vermaß gewohnt geistreich das blaue Farbfeld von Heine über Novalis bis zu Hilde Domin, die einst befand: "Gestorben wird auch an blauen Tagen." Nicht wenn es nach dem spanischen Dichter Bernardo Artxaga geht, der sich für den Tod schlicht an keinem Kalendertag erreichbar zeigte.

Für die serbische Kollegin Ana Ristovic ist "Poesie ein Dialog mit den eigenen Ängsten". Der Isländer Sjón sieht das ähnlich, wobei es ihm um die Todesgewissheit geht. "Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist ein Gedicht - wenn ihr mehr tun wollt: schreibt Romane." Vor tiefblauer Bühne oszillierte der Abend in Sprachen und Temperamenten: vom ukrainischen Vortragskünstler Juri Andruchowytsch bis zum gelassenen Deutschen Durs Grünbein. Dem irgendwann klar wurde, "dass ich mein ganzes Leben auf Worte gebaut habe".

Den Schlusspunkt setzte der in den USA lebende Ire Paul Muldoon. Sein Gedicht für einen 16-jährigen Selbstmörder versammelt einen Apachenhäuptling und einen mittelalterlichen Mönch, der sich beim Flug vom Kirchturm beide Beine brach. Legt es Muldoon auf vertrackte Worträtsel an? "Nein, eigentlich strebe ich Klarheit an", aber Gedichte müssten auch spiegeln, wie komplex unser Aufenthalt auf dieser Welt sei.

Die vielleicht schönsten Zeilen des Abends stammen übrigens von Ales Steger: "Der Mensch ist unter dem blauen Himmel geboren. Und unter dem blauen Himmel vergeht er. Dazwischen hofft er auf ein bisschen Heimatland, das ihm unter den Sohlen wächst."

www.poetica.uni-koeln.de