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„The Hateful 8“: Tarantino serviert einen neuen blutigen Western

Tim Roth (l) als Oswaldo Mobray, Kurt Russel (m) als John Ruth und Jennifer Jason Leigh (r) als Daisy Domergue in einer Szene aus dem Kinofilm „The Hateful 8“.

Tim Roth (l) als Oswaldo Mobray, Kurt Russel (m) als John Ruth und Jennifer Jason Leigh (r) als Daisy Domergue in einer Szene aus dem Kinofilm „The Hateful 8“.

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dpa

Berlin -

Wie ein fahles Leichentuch bedeckt der Schnee die Prärie von Wyoming. Und vor dem Blizzard wird es die Postkutsche kaum nach Red Rock schaffen. Zwar hat Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) das Vehikel nur für sich und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) gemietet, doch dann steigen zwei zwielichtige Gestalten zu: Ruths Kollege Major Marquis Warren (samt sorgsam verschnürtem Stapel seiner tiefgefrorenen Beute) sowie der angebliche Sheriff von Red Rock (Walton Goggins).

In Minnies Kramladen, der mit knapper Not erreichten Raststätte, treffen sie weitere Galgenvögel: den aalglatten Henker (Tim Roth), einen bulligen Mexikaner (Demian Bichir), den Graurock-General (Bruce Dern) und den verdächtig maulfaulen Cowboy Joe Gage (Michael Madsen).

Am gefährlichsten sind die Dialoge

Diese Phase, in der Autor und Regisseur Quentin Tarantino "The Hateful Eight" vorstellt, ist gewiss die spannendste seines gleichnamigen Films. Noch steht alles zwischen Gemütlichkeit und Gefahr auf Messers Schneide, und Mr. Tarantino darf wieder einmal das schärfste Gewürz seiner Hexenküche auspacken: den vergifteten Dialog, der schon im Erstling "Reservoir Dogs" in blanken Horror mündete. Gerade der quecksilbrig-intrigante Sheriff und der britisch-polierte Henker beherrschen das rhetorische Florettgefecht brillant, und anfangs erinnert all dies tatsächlich an Agatha Christies Kaminkrimi "Zehn kleine Negerlein". Ein Kammerspiel also, für das Tarantino freilich das kaum je benutzte Superbreitwandformat "Ultra Panavision 70" aus der Gruft der Filmgeschichte exhumierte. Minimalismus trifft Bombastik. Da wachsen Gesichter zu schrundigen Landschaften, während die Winterszenerie meist ausgesperrt bleibt.

Robert Richardsons Bilder, Ennio Morricones verstörender Soundtrack und die exquisite Besetzung - all dies sind Trümpfe, mit denen der Film den entscheidenden Stich dann doch nicht macht. Vielmehr keimt der Verdacht, dass hier eine eher schmale Story auf epische 167 Minuten aufgeblasen wird. Der Regisseur gilt als genialer Genre-Vampir, betreibt diesmal jedoch Eigenblutdoping mit Selbstzitaten. So wirkt die politische Ernsthaftigkeit seines Sklavendramas "Django Unchained" in diesem nach dem Bürgerkrieg spielenden Drama seltsam aufgeschminkt.

Dennoch ist Samuel L. Jacksons schwarzer Yankee-Major nicht nur dank seines (angeblichen) Briefs von Abraham Lincoln die am bösesten schillernde Figur: Sein verbaler Vernichtungsschlag gegen Bruce Derns Südstaatenveteran bleibt indes fast die einzige Szene schmerzhaft-schockierender Gewalt. Letztere steht ansonsten dem Grand Guignol näher als der archaischen Wucht des hoch überlegenen Konkurrenzwesterns "The Revenant".

Klar, Tarantino beherrscht immer noch die Kunst, ein sonnendurchflutetes Idyll in Minuten zum Massengrab zu verwüsten. Der schnöde Sadismus aber, mit dem Jennifer Jason Leigh hier als menschlicher Sandsack traktiert wird, nutzt sich rasch ab. Irgendwann schaltet die Regie dann vollends auf Splatter-Modus: Vergifteter Kaffee wird mit Gallonen von Blut ausgespuckt, Köpfe platzen wie Kürbisse, die Holzdielen werden zur Blutrutschbahn.

Je heftiger Quentin Tarantino jedoch an den Exzessschraube dreht, desto klarer sieht man: Der Gott des Gemetzels schwächelt.