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Auf ungewohnten Pfaden: Das sind die Höhepunkte der documenta 14

Documenta

Die argentinische Künstlerin Marta Minujin vor ihrem Werk "Parthenon of books".

Foto:

dpa

Kassel -

Die Verführung ist groß, sich erst vor den riesigen Parthenon-Tempel aus verbotenen Büchern zu setzen, eine Gestalt gewordene, kühne Vision der argentinischen Happeningkünstlerin Marta Minujíns. Man könnte aus dem Kopf verscheuchen, dass gerade hier, auf dem Friedrichsplatz in Kassel, die Nazis Bücher verbrannten. Man könnte den Blick kreisen lassen, zum Museum Fridericianum, dessen Schriftzug Banu Cennetoglu (vor zwei Jahren noch im Bonner Kunstverein zu sehen) in "BEINGSAFEISSCARY" (Sicher zu sein ist gruselig) verändert hat und hinter dessen Mauern das Athener Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) seine Ausstellungspremiere feiert. Und man könnte den üblichen documenta-Parcours fortsetzen: documenta-Halle, Orangerie, Karlsaue, Neue Galerie ...

Doch der Chef der Weltkunstschau will es anders. Adam Szymczyk propagiert den Einstieg in den rund 30 Orte umfassenden Parcours an anderer Stelle: durch einen Container, der auf dem Vorplatz des Kulturbahnhofs steht. Es geht hinab in die Unterwelt, in einen ehemaligen U-Bahnhof. Tristesse pur mit Spuren der Vergangenheit. "Ums Paradies betrogen" steht auf einem Plakat, auf einem anderen "Ene, mene, muh ... und raus bist du!" Ob das Kunst ist, erfährt man nicht. Aber es passt. Eine Videowand des Schweizer Filmemachers Michel Auder lädt die unterirdische Traurigkeit mit Bildern und Texten zu imperialistischer Gewalt, Willkür und Tod auf ("The Course of Empire").

Spuren einer Parallelgesellschaft

So eingestimmt, führt der vorgeschlagene und nicht immer zielführend ausgeschilderte Weg in die schmucklose Kasseler Nordstadt. Da ist die Fitnessstudio- und Kampfschuldichte hoch, ebenso die der Shishabars, türkischen Kulturvereine und kleinen Lädchen. Documenta und Spuren einer Parallelgesellschaft und Alternativkultur gehen hier eine wuselige Melange ein.

Das 1975 gebaute Betonmonster Neue Hauptpost (von der documenta in "Neue Neue Galerie" umgetauft) ist das Zentrum der Nordschleife. Ein bunter, wilder, eher zusammenhangloser Markt der Möglichkeiten und Positionen von der norwegischen Tierschützerin Máret Ánne Sara bis zu ihrem Landsmann Joar Nango, der indigenen Kulturen eine fahrbare Bühne verschafft, tut sich im Halbdunkel der riesigen Halle auf. Während Irena Haiduk in der ehemaligen Postkantine eine jugoslawische Schuhfabrik ("Yugoexport") nebst schickem Laufsteg aufleben lässt. Was hängen bleibt: Die spannende Migrationsrecherche des Palästinensers Ahlam Shibli in Kassel, die von einer von Vertriebenen aus dem Egerland betriebenen Weberei in einem ehemaligen Straflager bis zum "FC Bosporus Kassel", zum "Club Juvenil", zum "Café Zanetti" und zum Haus der Alevitischen Glaubensgemeinschaft reicht. Außerdem: die packende Dokumentation zum Mord an Halit Yogzat in Kassel, 2006 das neunte Opfer des sogenannten NSU.

Documenta (2)

Der "Tempel der Bücher" soll erst im Laufe der documenta fertiggestellt werden.

Foto:

dpa

Auch klassische Pfade gibt es

Nun kann der Besucher sich klassischen documenta-Pfaden zuwenden. Auch hier versucht die documenta, den Genius der einzelnen Orte einzubinden. So geht es im Naturkundemuseum Ottoneum etwa um die Ansprüche indigener Völker und den Regenwald. In der documenta-Halle neben dem Staatstheater regieren Tanz, Musik und sagenhafter Ethnokitsch vom hohen Norden bis nach Afrika.

Mit einer hübsch braven, musealen Hommage an den malischen Kultstar Ali Farka Touré und seine Lieder fängt es noch gut an. Auch Kompositionen von Jani Christou und die Archivalien der Tänzerin Anna Halprin sind hochinteressant, so wie auch das Antikenprojekt des Zweierkollektivs Prinz Gholam. Doch dann, mit dem Sound eines Klebestreifens, den eine bedauernswerte documenta-Mitarbeiterin beim Vorbeistreichen mit dem Finger erzeugen muss, und viel schlechter Malerei kippt die Show. Wenn die documenta überhaupt einen roten Faden hatte, hier ist er verloren gegangen.

Das will nicht heißen, es gäbe nicht noch eine Handvoll sehenswerter Positionen. Etwa Romuald Karmakars "Byzantion"-Projekt mit slawischen und griechischen Mönchschören im Westpavillon der Orangerie oder Benjamin Pattersons Froschgequake in einem der Kanäle in der Karlsaue - mit der Botschaft des Fluxusveterans: "Wenn Elefanten kämpfen, leiden die Frösche." Ansonsten sehr liebloses und langweiliges Programm im Grünen.

10. Juni bis 17. September. Täglich 10-20 Uhr.