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Depot 1 des Kölner Schauspiels: Nuran David Calis zeigt seine „Glaubenskämpfer“ in Köln

Schauspiel Glaubenskrieg

Dominic Schmitz erinnert sich an seinen Ausstieg aus dem harten Kern des Salafismus.

Foto:

David Baltzer

Köln -

Schlechte Zeiten für die Gretchenfrage. Wer heute von Religion spricht, sieht sie meist als Brandbeschleuniger im Nahen Osten oder Stichwortgeber der Attentate von Paris. In diesem Minenfeld landen die "Glaubenskämpfer" im Depot 1 des Kölner Schauspiels zwar auch.

Doch bevor ein IS-Werbespot in blutrünstiger Großmannssucht durch den Saal dröhnt und Islamist Bernhard Falk per Video das Charlie-Hebdo-Gemetzel lobt, passiert Ungeheuerliches: Regisseur und Autor Nuran David Calis gibt dem Ensemble (vier Schauspieler, sechs Laien) Zeit für Glaubensbekenntnisse. Radikal persönlich, jenseits naiver Frömmigkeit.

Da erzählt Ayfer Sentürk Demir - wie Kutlu Yurtseven und Ismet Büyük schon in Calis Keupstraßen-Stück "Die Lücke" zu sehen -, warum sie heute das lange abgelehnte Kopftuch trägt. Von der Kölner Benediktinerschwester Johanna Domek erfährt man, dass der Weg ins Kloster auch über Joints und Zweifel führen kann.

Und Avraham Applestein, Spross einer von NS-Gräueln gezeichneten jüdischen Familie, hatte sein Gotteserlebnis ausgerechnet im Wald des KZs Birkenau. "Von Gott reden, wie soll das gehen?", wird anfangs gefragt. Doch auf Anne Ehrlichs genial-einfacher Drehbühne, die unbeschriebenes Buch, Projektionsfläche oder Gefängnis sein kann, geht es erstaunlich gut. Auch wenn christliche Erbsünde gegen den muslimischen Glauben an die Reinheit der Kinder steht oder das komplexe jüdische Thora-Studium gegen das "niederschwellige Angebot" des Islam.

Die Schauspieler wirken (auch wegen ihres entbehrlichen "Was wir uns dabei gedacht haben"-Prologs) fast wie Zaungäste - obwohl Martin Reinke dank seiner aparten Privatreligion Gott in allen Dingen sieht. Doch wenn Mohamed Achour im witzigen Bravourstück darüber ausflippt, von einem Regisseur penetrant "Ahmed" genannt worden zu sein, wirkt sein Leidensdruck überschaubar.

Der Abend hat also eine gewisse Unwucht und opfert das szenische Erlebnis fast vollständig dem offenen Diskurs. Doch diesem folgt man gebannter als mancher kunstvollen Inszenierung. Schon bei der Gottsuche des Beginns, vor allem aber, wenn die Aufführung die Komfortzone des toleranten Zuhörens verlässt.

Jetzt dürfen die Pegida-Frontfrauen Ester Seitz und Melanie Dittmer per Video ihre kruden Ideen von der Rettung des Abendlands verbreiten. Dann berichtet Dominic Schmitz, wie er als deklassierter Knabe aus Mönchengladbach erst in den Sog des Islam, dann in den Salafisten-Führungszirkel um Sven Lau und Pierre Vogel geriet. Nun, als Abtrünniger, muss er neben Internethetze auch Bernhard Falks unfrommen Wunsch ertragen: "Möge Allah solchen Typen das Handwerk legen."

Falks Besuch bei den Proben war für die drei Türken eine Zumutung, nein, eher eine Zerreißprobe der Produktion. Den Islam durch solche Gestalten vertreten zu sehen, muss für einen friedlichen Muslim schier unerträglich sein. Doch wenn Kutlu Yurtseven dies wütend vorbringt, seufzt Applestein: "Ach, du bist immer in der Opferrolle."

Es gibt in diesem aufregend inszenierten Finale keine Denkverbote, Tabus oder Allianzen. So fragt Annika Schilling, ob unsere säkulare Gesellschaft nicht wehrhaft jenen gegenübertreten muss, die Freiheit als Schwäche schmähen. Die Nerven liegen blank, alles kann passieren. Doch dann erinnert Yurtseven daran, wie 1965 der Ramadan im Kölner Dom gefeiert werden durfte und meint: "Wir sollten uns alle mal fragen, was aus uns in den letzten 50 Jahren geworden ist." Alle schweigen.

So klug endet dieser spirituelle wie politische Abend, der erstarrte Debattenfronten aufbricht. Starker Beifall für die Premiere, die wegen massiver Verkehrsstaus 30 Minuten später begonnen hatte.

Zwei Stundenohne Pause. Wieder am 11. u. 23. März, 19.30 Uhr. Karten-Tel.: (0221) 221 28400.