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Der Fall Uwe Barschel als TV-Thriller: Regisseur Kilian Riedhof im Interview

Der Regisseur Kilian Riedhof

Der Regisseur Kilian Riedhof

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dpa

Hamburg -

Kilian Riedhof (44) hat Krimis gedreht und mit Dieter Hallervorden „Sein letztes Rennen“. Jetzt füllt der Regisseur und Drehbuchautor mit seinem bisher ambitioniertesten Film einen ganzen Fernsehabend. Das Erste zeigt am Samstag den Polit-Thriller „Der Fall Barschel“. Der Zweiteiler verknüpft den Skandal von 1987 um Sturz und Tod des früheren Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) mit der fiktiven Story um Investigativ-Journalisten.

Was hat Sie an diesem Stoff so gereizt?

Das Bild des tot und bekleidet in einer Badewanne liegenden Uwe Barschel hat von Anfang an einen starken Sog auf mich ausgeübt und mich bis heute nicht losgelassen. Ich habe das als 16-Jähriger sehr stark wahrgenommen, auch die berühmte Ehrenwort-Pressekonferenz Barschels im Fernsehen. Es war doch unvorstellbar, dass ein Politiker wie er gegen seinen Kontrahenten Björn Engholm auf übelste Weise vorgegangen sein soll. Dass er dann noch starb, war ein Schock, der die ganze Republik erfasste. Im Grunde ist es erstaunlich, dass es bisher noch keinen Film über die ganze Geschichte gab.

Bis heute ist ungeklärt, ob sich Barschel in einer ausweglosen Situation das Leben nahm oder ermordet wurde. Zu welchem Schluss kommen Sie, nachdem Sie jahrelang in den Fall eingetaucht sind?

Ich ging am Anfang mehr von Suizid aus. Je stärker ich mich mit den Hintergründen befasste, desto mehr wandelte sich das Bild. Ich habe natürlich keine Beweise, aber eine Ahnung, wie es gewesen sein könnte. Jetzt tendiere ich mehr zu Mord. Aber es gibt auch für Selbstmord triftige Gründe. Der Fall ist ja deshalb ein Mythos, weil er nicht geklärt ist. Die Ambivalenz hält uns bis heute in Atem.

Waffenhandel und der BND spielen im Film eine wichtige Rolle. Welche grundsätzlichen Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihren umfangreichen Recherchen?

Ich sehe ein Dreieck aus einer Politik-Elite, Waffenlobby und einer Geheimdienstwelt, das ein Eigenleben entwickelt hat und nicht demokratisch ist. Das beunruhigt mich. Ich glaube, nach NSA und NSU sind Verfehlungen staatlicher Stellen heute viel vorstellbarer als 1987. Hintergründe wie Barschels mögliche Verstrickung in Waffengeschäfte und die drohenden Konsequenzen für staatliche Stellen im Falle seines Auspackens verändern die Sicht auf den Fall. Man verliert das Grundvertrauen, dass „die da oben“ alles richtig machen.

Welches Bild vom Menschen Barschel haben Sie gewonnen?

Das ist nicht einfach. Man darf das Bild nicht auf das eines reinen Karrieristen verengen. Das würde seiner Persönlichkeit nicht gerecht. Ich glaube, dass er ein Doppelleben geführt hat. Die Tragödie von Uwe Barschel ist zutiefst menschlich.

Barschel galt als medikamentenabhängig. Ein Selbstmord wurde im Laufe der Jahre immer mehr bezweifelt. Ihre Hauptfigur, der Journalist Burger, nimmt Speed, und an seinem behördlich attestierten Suizid signalisieren Sie Zweifel. Warum diese Duplizitäten?

Der Begriff Doppelleben ist für mich eine Art Überschrift in unserem Film. Da liegt es nahe, dies auch in der Hauptfigur widerhallen zu lassen. Dieser Fall kontaminiert jeden, der sich damit beschäftigt. Das ist ein giftiger Fall, er hat etwas Tumorartiges.

Matthias Matschke gelingt es überzeugend, Barschels Tonfall, Mimik und Gestik wiederzugeben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Schon im ersten Casting hat er eine unheimliche Ähnlichkeit im Duktus bewiesen. Das hat mich umgehauen, ich hätte nicht gedacht, dass man so nahe an diese Figur herankommen kann. Man glaubt ihm den Barschel. Ich bin glücklich, dass ich so ein Starensemble hatte mit herausragenden Schauspielern wie Alexander Fehling, Fabian Hinrichs, Antje Traue, Matthias Matschke, Edgar Selge oder Martin Brambach.

Zur Person

Kilian Riedhof, geboren in Seeheim-Jugenheim (Hessen) am 27. April 1971, studierte von 1994 bis 1996 Regie an der Hamburg Mediaschool. Für den Film „Homevideo“ (2011) bekam er unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Großen Erfolg hatte 2013 „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden als hochbetagtem Marathonläufer in der Hauptrolle. 2015 erhielt Riedhof auf dem Filmfest München den Bernd Burgemeister Fernsehpreis. (dpa)