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Edition von "„Mein Kampf“ im Bonner Haus der Geschichte: Spannender Selbstversuch mit der Hitlerbibel

Buch als Debattenthema: (von links) Christian Hartmann, Andreas Wirsching, Helmuth Kiesel und Hans Walter Hütter.

Buch als Debattenthema: (von links) Christian Hartmann, Andreas Wirsching, Helmuth Kiesel und Hans Walter Hütter.

Foto:

Müller

Bonn -

Zwischen "mit Faszination gelesen" und "für mich hat es immer etwas Quälendes gehabt", spannt sich das Erfahrungsbild derer, die sich beruflich mit Adolf Hitlers "Mein Kampf" befassen mussten. Der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel etwa las das Werk, das vor dem Hintergrund der Weltanschauungs-Literatur der 20er Jahre "nicht so schlecht ist, wie es dargestellt wird". "Wir müssen manchmal auch Texte lesen, die uns zuwider sind", sagte er zu seinem "Selbstversuch" mit Hitlers Schrift. Eine "empathische Lektüre der Hitlerbibel", sei nun aber durch die erläuternde, kritische Edition nicht mehr möglich, versuchte der Literaturexperte die Podiumsteilnehmer im Haus der Geschichte zum Widerspruch zu reizen. Spätestens seit seinem unvergessenen, spritzigen Vortrag zu Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" im Haus der Geschichte, schätzt man Kiesels messerscharfen Attacken.

Der Historiker Christian Hartmann, Herausgeber der Edition von "Mein Kampf", freute sich über Kiesels Kompliment einer "toll gemachten, radikalen Dekonstruktion der Hitlerbibel", ließ sich aber nicht von der germanistischen Faszination anstecken. Auch Andreas Wirsching, Chef des Instituts für Zeitgeschichte, das die kritische Edition herausgebracht hat, blieb cool, betonte die Notwendigkeit der Edition. 70 Jahre nach dem Freiwerden der Urheberrechte "wäre es unverantwortlich gewesen, diesen Text unkommentiert vagabundieren zu lassen".

Hitler nicht wie Hölderlin editierbar

Zu den Hintergründen der Neuausgabe erklärte Hartmann, man habe sich für eine "Edition mit Standpunkt entschieden, für ein subjektives Verfahren". Man könne "Mein Kampf" nicht wie einen Hölderlin-Text edieren, sagte er, "unser Standpunkt ist ein Standpunkt mit permanenter Widerrede". Wirsching ergänzte: "Ein wertneutrales Verstehensprinzip kann nicht unser Modus sein", ja zur historischen Methode, "aber auch eine klare kritische Distanzierung". Dieser Ansatz macht die Edition so lesenswert. Schlägt man das Buch auf, befindet sich auf der rechten Seite jeweils eine Seite von Hitlers Originaltext, begleitet von Notizen zu Abweichungen in den verschiedenen Auflagen. Unter dem Text und auf der linken Seite liest man exzellent geschriebene Aufsätze zu Stichworten oder Inhalten aus dem Text. Ein Register erschließt Originaltext und Beitexte. Äußerst lesenswert ist die Einleitung.

Die wissenschaftliche Ausbeute der Edition sei angesichts des gründlich erforschten "Dritten Reichs" überschaubar. Hitlers Biografie müsse nicht neu geschrieben werden, räumten der Herausgeber und der Institutschef ein. Gleichwohl sprechen sie von "Akzentverschiebungen". So sei die Figur Hitler bedeutsamer fürs System des "Dritten Reichs", als von vielen Historikern angenommen, "Mein Kampf" untermauere Hitlers "Anspruch des Alleswissers als Führer".

Hitler, Mein Kampf - eine kritische Edition.Institut für Zeitgeschichte. 2 Bände, 1966 S., 59 Euro