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Im Staatenhaus: „Jeanne d'Arc“ feiert ihre späte Kölner Erstaufführung

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Zwei Mal Johanna: Juliane Banse (links) singt die Titelpartie in Braunfels' "Jeanne d'Arc", während Tatjana Gürbaca sie spielt.

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Leclair

Köln -

Am Anfang ist das Chaos. Die Bühnenrückwand im Kölner Staatenhaus besteht aus Schrott und Müll, ein Fahrrad, ein Boot, ein Flügel, ein Flugzeugwrack und noch vielen tausend weitere Gegenstände mehr fügen sich hier zu einem Mosaik der Zerstörung zusammen, ein Auto ist halb im laufstegartigen Bühnenboden, der bis in die ersten Zuschauerreihen des Staatenhauses führt, versunken. Zu Beginn bevölkern Koffer schleppende Chorsänger die Bühne, die durchaus an die aktuelle Flüchtlingskrise denken lassen. Es ist das eindrucksvolle Bild einer zerstörten Zivilisation, in der die Regisseurin Tatjana Gürbaca ihre Inszenierung der Kölner Erstaufführung von Walter Braunfels' Oper "Jeanne d'Arc" im Staatenhaus verortet.

Das Stück spielt im 15. Jahrhundert während des Hundertjährigen Krieges, den Gürbaca und ihr Bühnenbildner Stefan Heyne in die Gegenwart überführen. Schon dem Komponisten ging es freilich nicht allein um die musikalische Huldigung der Jungfrau von Orléans, sondern darum, Parallelen zu seiner Gegenwart aufzuzeigen. Braunfels, der 1925 zum Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule berufen worden war, wurde von den Nazis mit dem Stempel "Halbjude" stigmatisiert und im März 1933 aller Ämter enthoben. Er zog zunächst nach Bad Godesberg und siedelte dann nach Überlingen am Bodensee über, wo er Text und Musik zur "Johanna" während der ersten Kriegsjahre ohne Hoffnung auf eine Aufführung niederschrieb. Die Johanna war ihm Leidensgefährtin: Der unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs zum Katholizismus konvertierte, einst sehr erfolgreiche Komponist fühlte sein Lebenswerk durch die Nazis verbrannt.

Gleichwohl ist die Inszenierung Gürbacas kein unkritischer Akt der Wiedergutmachung. Wenn das Volk von Orléans der Jungfrau mit großer musikalischer Emphase huldigt, übersteigert die Regisseurin das Pathos mit kitschig leuchtenden Heiligenscheinen ins Ironische. Darin folgt ihr Lothar Zagrosek am Pult des Gürzenich Orchesters allerdings nicht. Er lässt die Farben der opulent besetzten Partitur zwar wunderbar leuchten, aber er forciert den spätromantischen Ausdruck der Musik an keiner Stelle. Er deutet lieber umsichtig die Details aus und hält den auf beide Seiten des Bühnenlaufstegs verteilten Klangapparat sicher im Griff.

Dass Tatjana Gürbaca die Johanna sehr kurzfristig selbst auf der Bühne in weißem Hemd und kurzen Hosen (Kostüme: Silke Willrett) verkörpern musste, tat der Wirkung ihrer Inszenierung keinen Abbruch. Durch sie wirkte die von ihrem göttlichen Auftrag erfüllte Kindfrau zugleich entschlossen und verletzlich. Eigentlich hätte Natalie Karl die Partie singen und spielen sollen. Aber die Sopranistin war bei der Generalprobe so unglücklich gestürzt, dass sie für längere Zeit verletzungsbedingt ausfällt. Dass die Opernleitung mit Juliane Banse kurzfristig die Sängerin der Uraufführung (2001 in Stockholm) gewinnen konnte, die in Köln am Bühnenrand sang, war ein Glücksfall für die Premiere. Sie gestaltete die Partie mit größtmöglicher Empathie, tonschön, umsichtig und mit viel Herzblut.

Der Besetzungszettel listet 16 weitere Solisten auf, die in dieser Aufführung durchweg überzeugten. Besonders hervorzuheben wären hier Oliver Zwarg, der Johannas Weggefährten Gilles de Rais mit mächtiger, ausdrucksvoller Bassbaritonstimme ausstattete. Ihr Gegenspieler Trémouille fand in Bjarni Thor Kristinsson und der kernigen Fülle seiner Bassstimme ideale Bedingungen für die Zeichnung seines zynisch-nihilistischen Charakters. Matthias Klink überzeugte als geistig verwirrter König Karl schauspielerisch wie auch mit beweglichen Tenorstimme. Der Chor, dessen Part oratorische Maße annimmt, ist von Andrew Ollivant bestens vorbereitet worden.

Am Ende der Oper, deren Aufführung bei der Premiere am Sonntag lange beklatscht wurde, ruft der Inquisitor: "Wir haben eine Heilige verbrannt!" Ein Wort, das Braunfels wohl auch auf seine Musik bezogen haben mag.

Tatjana Gürbacawird auch am Mittwoch spielen. Die Titelpartie singt Stephanie Weiss. Die Besetzung der folgenden Termine am 19., 21., 24., 26., 28. Februar und 6. März wird auf www.oper.koeln.de mitgeteilt.