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Kölnische Rundschau | Jens Albinus im Depot 2: „Umbettung“ feiert Premiere im Schauspiel Köln
25. January 2016
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Jens Albinus im Depot 2: „Umbettung“ feiert Premiere im Schauspiel Köln

Familienbande: (von links) Melanie Kretschmann, Ronald Kukulies, Henriette Nagel, Seán McDonagh und Birgit Walter.

Familienbande: (von links) Melanie Kretschmann, Ronald Kukulies, Henriette Nagel, Seán McDonagh und Birgit Walter.

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Tommy Hetzel

Köln -

Eine Familie, die nach Jahren wieder einmal komplett versammelt, aber immer noch nicht bereit ist, sich der Vergangenheit zu stellen. Die Konstellation kennt man aus etlichen Büchern, Theaterstücken und Filmen, Thomas Vinterbergs "Das Fest" etwa oder "August: Osage County" von Tracy Letts. Auch Jens Albinus dient sie als Grundgerüst für sein Drama "Umbettung", das am Samstag im Schauspiel Köln uraufgeführt wurde. Ein Podest, das an einen überdimensionierten Esstisch erinnert, dominiert die von weißen Papierbahnen begrenzte Bühne des Depot 2 (Ausstattung: Rikke Juellund). Der Tisch als Ort, der ursprünglich gedacht war, dass Menschen zusammenkommen, gemeinsam essen, reden - das mögliche Fundament einer funktionierenden Gemeinschaft.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Lilli (Birgit Walter) trifft hier auf ihre beiden Töchter Katie (Melanie Kretschmann) und Liv (Henriette Nagel), ihren Ex Jørgen (Ronald Kukulies) und Livs neuen Freund Toby (Seán McDonagh). Alma, die mittlere Schwester, starb vor Jahren bei einem Unfall, jetzt soll ihr Grab umgebettet werden, weil eine neue Zufahrtsstraße gebaut werden soll. Liv hat dies zum Anlass genommen, die Familie noch einmal zusammenzubringen.

Und da stehen sie sich nach 15 Jahren wieder Aug' in Aug' gegenüber, versuchen, Auge um Auge, Zahn um Zahn, alte Rechnungen zu begleichen. Lilli, deren drei Töchter von ebenso vielen Vätern stammen, hat ihre Karriere als Fotografin immer der Familie vorgezogen. Nach Almas Tod ließ sie die Kinder bei Jørgen, man kann ahnen, dass Katies psychische Probleme, aber auf jeden Fall Livs Wunsch, alles ins Lot zu bringen, hier ihren Ursprung haben. Nun will sie ihr Haus, in dem Jørgen und Liv wohnen, zu Geld machen.

So lotet das Quartett die familiären Untiefen aus, streitet, schreit, verletzt, versöhnt sich oberflächlich. Und lässt den Außenseiter Toby als menschlichen Punchingball all das Ungesagte spüren.

Albinus' zweites Stück und gleichzeitig zweite Inszenierung für das Kölner Schauspiel ist dankenswerterweise nicht so überfrachtet wie "Helenes Fahrt in den Himmel" seinerzeit. Und so bekommt man 105 Minuten reines Schauspieler-Theater geboten ohne allzu viele Mätzchen. Melanie Kretschmanns Katie darf Stimmungen im Sekundenbruchteil wechseln, fast wie auf Zuruf beim Improtheater, Birgit Walter spielt mit links auf der Klaviatur zwischen Grande Dame und gescheitert.

Doch wenn Ronald Kukulies hinter dem schmerbäuchigen Versager Jørgen das Monster aufblitzen lässt, hat das eine beängstigende Unmittelbarkeit. Und es tritt der Moment ein, an dem man vergisst, dass man einem Schauspieler bei der Arbeit zusieht. Dieses Schauspiel-Trommelfeuer hat bisweilen eine ungeheure Wucht, die an anderen Stellen verpufft, wenn die Regie meint, ihr auf die Sprünge helfen zu müssen. Etwa, wenn Kukulies zu Black Sabbath um die Bühne rennt oder Seán McDonagh seine Rolle als tumber Kiffer aufgibt und den papierenen Bühnenhintergrund einreißt und Holz-Hocker auf das Podest knallt.

Doch das größte Problem hat der Abend mit Albinus' Text. Familienfehde, sexueller Missbrauch, physische und psychische Selbstzerstörung, Schaffens- und Sinnkrisen - Themen über Themen, denen der Däne keine Aha-Momente abringt. Man hat das alles schon mal so oder in Variation gehört, gelesen oder im schlimmsten Fall selbst erlebt. Das benachbarte Flüchtlingsheim und Jørgens Streitigkeiten mit der örtlichen Willkommens-Initiative wirken wie eine aufgepfropfte Referenz an aktuellen Ereignisse, während von der eigentlichen Geschichte zu viele lose Fäden bleiben. Starker Applaus des Premierenpublikums für Ensemble und Team.

105 Minuten ohne Pause. Wieder am 29.1. (ausverkauft), 16., 18., 23., 24. und 28.2.

Familienbande: (von links) Melanie Kretschmann, Ronald Kukulies, Henriette Nagel, Seán McDonagh und Birgit Walter. (Foto: Hetzel)