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Konzert im Kölner Palladium: Massive Attack rücken Flüchtlingsfrage in Mittelpunkt

Massive Attack

Marina Topley-Bird bei einem früheren Konzert von Massive Attack. Beim Kölner Konzert durfte nicht fotografiert werden.

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dpa

Köln -

Headlines aus deutschen Zeitungen laufen in der Leuchtschrift historischer Computer über die Leinwände: Putin, Donald Trump, Christina Stürmer, Kölner Karneval. Wie eine Kanonade auf die Merk- und Konzentrationsfähigkeit werden Schnipsel aus wichtigen und banalen Informationen auf die Zuhörer im restlos ausverkauften Palladium abgefeuert. Was ist wichtig, was völlig vernachlässigbar? Ein Thema ist es nicht: die Flüchtlingsfrage rücken Massive Attack, die TripHop-Pioniere aus Bristol, in den Mittelpunkt. Sie sparen sich Bekennergesten. Bilder und Fakten genügen. Im Faktencheck steht ihr Heimatland schlecht dar. Ungarn hat neunmal mehr Flüchtlinge aufgenommen als England. Was das bedeutet, darf jeder an diesem Abend selbst entscheiden.

Massive Attack, mit "Daddy G" Marshall und Robert "3D" Del Naja auf ein schwarz-weißes Duo geschrumpft, haben ihre musikalischen Wurzeln im jamaikanischen Dub und Reggae, im Soul und im Punk. Miteinander der Kulturen statt Clash. Schleppenden Beats, Samples und eine gute Portion Melancholie "erschließen Traumlandschaften, die Raum für Fantasie öffnen. Sie sind für Liebe im Bad geschaffen", erklärte Robert Del Naja einmal die beabsichtigte Wirkung.

Auch ohne in der Badewanne zu liegen, genießen die Fans den hypnotischen Sound des Duos aus Bristol. Einige tanzen sogar bei den introspektiven Stücken. Die Mehrheit erliegt der Verführung der Band. Sound und Licht lassen den Alltag vergessen. Politische Statements bringen die Realität zurück. Gastsängerinnen Martina Topley-Bird, Azebel, Deborah Miller und der fast zur Band gehörende Reggae-Sänger Horace Andy setzen Akzente, wo Del Najas und Marshalls Stimmvermögen nicht ausreicht.

Die Setlist ist eine Werkschau aus fünf Alben in 25 Jahren. Man lässt sich Zeit für die Produktion von Ideen. Die Zeit im Konzert vergeht dagegen im Flug. Besonders eindringlich gelingt "Future Proof" , das bohrend-intensiv wie Pink Floyd klingt und mit leichten, schwebenden Gitarren endet. "Teardrop" richtet die Gitarren zu einer Wall of Sound auf. "Safe From Harme" beendet den Set mit einer fulminanten Klangkaskade. In der Zugabe stößt die frisch mit einem Mercury-Peis gekürte schottische Vorband "Young Fathers" dazu. Aus ist es mit der Badewanne. Die Jungs bewegen sich auf der Straße. Mit dem "Hit der 90er Jahre" -"Unfinished Sympathy" - endet man schließlich im Club. Nach der Rebellion kommt das Feiern.