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Kölnische Rundschau | Premiere im Depot 1: Shakespeares „Troilus und Cressida“ im Kölner Schauspiel
04. February 2016
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Premiere im Depot 1: Shakespeares „Troilus und Cressida“ im Kölner Schauspiel

Pandaras legt Hand an: (von links) Bruno Cathomas, Nikolaus Benda (Troilus), und Nicola Gründel (Cressida).

Pandaras legt Hand an: (von links) Bruno Cathomas, Nikolaus Benda (Troilus), und Nicola Gründel (Cressida).

Foto:

Tommy Hetzel

Köln -

Schon zu Shakespeares Zeiten soll "Troilus und Cressida" höchstens zweimal aufgeführt worden sein, und das auch nur privat. Erst im 20. Jahrhundert brachte man das Stück häufiger auf die Bühne, mal gelungen, mal nicht. So fiel das Kritikerurteil über Stefan Bachmanns Inszenierung in Salzburg 1998 eher schlecht aus. Als Kölner Intendant übertrug er nun die undankbare Aufgabe, das sperrige Werk zu inszenieren, an seinen Hausregisseur Rafael Sanchez.

Im Zentrum steht eigentlich das titelgebende Liebespaar, er einer von fünf Königssöhnen, sie die Tochter eines Sehers, der sich auf die Seite der Feinde schlug. Doch wie das Leben aller Beteiligten bestimmen die Läufe des Trojanischen Kriegs das Stück. Man kämpft seit sieben Jahren, beide Seiten sind müde und fragen sich, ob die vom Trojaner Paris geraubte Griechin Helena all das Blutvergießen wert war. Aber kann man jetzt noch zurück, ohne das Gesicht zu verlieren?

Inmitten dieses politischen Hin und Her finden Troilus (Nikolaus Benda wunderbar ungestüm) und Cressida (Nicola Gründel kühl und überlegt) zueinander, zumindest eine Nacht lang. Dann wird sie im Tausch gegen einen gefangenen Trojaner an die Griechen übergeben. Sie schwört Troilus Treue, doch nach sexuellen Übergriffen ihrer neuen Sippe sucht sie, um dem Schlimmsten zu entgehen, Schutz bei einem von ihnen - Sex gegen Sicherheit, ein uraltes, ekelhaftes Tauschgeschäft. Troilus erfährt davon, erzürnt zieht auch er in den Kampf. Am Ende gibt es noch mehr Tote, das Stück ist aus, der Krieg noch lange nicht.

In der Übersetzung von Simon Werle hat Rafael Sanchez Figuren gestrichen und Passagen gestrafft und gekürzt, verzichtet auf Pro- und Epilog. Die Trojaner sitzen in schicken Outfits (Kostüme: Birgit Bungum) auf Bänken, die Griechen tummeln sich in Lederhosen in einem Wald, dessen diverse Lichtungen auf der Drehbühne zum Vorschein kommen (Bühne: Simeon Meier).

Auf der Bühne hatte man die Ruhe weg

Ein kluger, witziger Einfall sind die sechs Doppelbesetzungen, etwa dass Johannes Benecke sowohl den jammernden Menelaos als auch Paris, der ihm die Frau gestohlen hat, spielt. Oder Yvon Jansen brilliert als geifernder Thersites und darf zweimal als Kassandra ihre Familie aufmischen. So gab es sicher hinter der Bühne viele Momente, wo es sehr schnell gehen musste mit der Verwandlung von einer Figur in die nächste. Allein, auf der Bühne hatte man die Ruhe weg.

Fast schon statisch liefen die Szenen ab. Da gab es bisweilen Pathos, bisweilen beeindruckende Lautstärke (Jakob Leo Stark als Hektor) - doch so richtig berühren konnte das nicht. Hätte die Regie da mehr machen können? Oder ist es schon das Shakespeare-Stück?

Die Liebe nimmt zu wenig Raum ein, das letztendlich fruchtlose Debattieren über Sinn und Zweck des Kriegs zu viel. Die Ausgänge der Kämpfe werden im Hinterzimmer von Niklas Kohrts Odysseus intrigant vorherbestimmt. Niemand will mehr kämpfen, doch keiner ist Manns genug, sich dafür einzusetzen. Achilles (Robert Dölle zwischen Grace Jones und Mad Max) vergnügt sich lieber mit Patroklus (Thomas Brandt) - und als dieser auf dem Schlachtfeld stirbt, fällt ihm nichts anderes als Rache ein. Hier übt sich jeder nur darin, mit den Wölfen zu heulen.

Und den weiblichen Figuren bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihnen anzufreunden, ob sie nun wie Helena wollen oder nicht - wie Cressida, der nichts bleibt, als das Schicksal der Frauen zu beklagen. Und Sanchez lässt Akteure und Zuschauer mit den Bergen von Text letztendlich allein.

Der Premierenapplaus im Depot 1 war höflich und kurz, bejubelt wurden Yvon Jansen und Bruno Cathomas, der als Cressidas Onkel Pandaras ebenso wie Jansen als Thersites eine der dankbarsten Rollen hatte. Und sie weidlich nutzte.

Drei Stunden (inkl. Pause). Nächste Termine: 14. und 20.2. ausverkauft, 17.2., 19.30 Uhr und 28.2., 16 Uhr.