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Fahrrad-Paradies: Räder statt Autos in Kopenhagen

Erstellt 09.03.2012
Kopenhagen will die Anzahl der Autos drastisch reduzieren und zur Öko-Metropole werden. Deswegen haben Radfahrer hier einige Privilegien. So sind die Radwege fahrspurbreit und Leihräder gibt es gegen Pfand. Von Silke Offergeld
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Rad Kopenhagen
Kostenlose Radtour durch die Stadt: Die "Citybikes" verlangen lediglich Pfandmünzen. (Bild: Fotolia)

Die Rushhour an der Dronning-Louises-Brücke in Kopenhagen ist auffällig still. Nicht, weil hier so wenig los wäre: Gut 40 000 Menschen überqueren hier jeden Morgen den Kanal zwischen dem Viertel Nørrebro und der Innenstadt. Aber die meisten kommen nicht nicht mit dem Auto. Sondern auf Fahrrädern. Und so röhrt hier, wenn die Ampeln für den Verkehr aus Nørrebro auf Grün springen, kaum ein Motor auf - zu hören ist lediglich das Zischen von schmalen Gummireifen auf dem Asphalt, das Klacken der Gangschaltungen, das leise Klingen einer Fahrradschelle, wenn das Rad über eine Unebenheit rollt.

Von allen Seiten strömen die Radfahrer morgens in die dänische Hauptstadt. Sie kommen über die fahrspurbreiten Radwege, die sich auf 350 Kilometern durch die Stadt ziehen. Sie steigen aus den Vorortzügen, die eigene Fahrradabteile haben. Sie parken dicht gedrängt auf einem der 48 Fahrradparkplätze in der Stadt. Die Radler haben es gut in Kopenhagen.

In Deutschland erscheinen Radfahrer in der Stadt oft wie Störfaktoren. In der öffentlichen Diskussion tauchen sie wahlweise als Unfallopfer auf - oder aber als notorisch rücksichtslose Unfallverursacher. Überhaupt scheint zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern kein Bordstein, sondern eher eine Front zu verlaufen. Rein städtebaulich lautet die Botschaft an die Radler: Begnügt euch mit dem zugeparkten Fahrstreifchen und seht zu, dass ihr nicht unangenehm auffallt.

Stadtplanung für Radfahrer

In Kopenhagen ist das anders. Hier sind die Radfahrer ein wichtiger Faktor in der Stadtplanung: Sie sollen helfen, die Anzahl der Autos in der engen Altstadt im Rahmen zu halten und dem Fernziel der möglichst CO2-freien Stadt näher zu kommen.

Denn Kopenhagen will eine Öko-Metropole, eine grüne und smarte Stadt werden. Bis 2015 will man den CO2-Ausstoß der Stadt um 20 Prozent reduzieren, die Hälfte davon soll beim Verkehr eingespart werden, erklärt Jørgen Abildgaard, bei der Stadtverwaltung zuständig für den Umweltplan "Kopenhagen 2025". Und dafür setzt man auch aufs Zweirad. Schon heute fahren 36 Prozent der 125 000 Pendler in der Stadt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Damit es noch mehr werden, will die Stadt in diesem Jahr rund zehn Millionen Euro investieren, um das Radwegnetz auszubauen. Vor allem extrabreite "Fahrradhighways" sollen so entstehen, für den Verkehr aus den Vororten, erklärt Abildgaard. Zum Interview ist er natürlich mit dem Rad gekommen.

Die Infrastruktur sei der entscheidende Faktor, um die Leute aufs Rad zu locken, erklärt auch Jens-Loft Rasmussen, Vorsitzender des "Dansk Cyclist Forbundet": "Die Leute müssen sich sicher fühlen. Außerdem ist eine eigene Spur ein Signal an die Bürger, dass Radfahrer ein ernstzunehmendes Verkehrsmittel sind." Das kostet natürlich - und es dauert, bis sich ein Ergebnis zeigt. 1970 nutzten die Dänen nur für ein Zehntel aller Fahrten das Rad, dieser Anteil ist heute auf fast ein Drittel angestiegen. Konflikte zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern gebe es natürlich auch in Dänemark - aber das liege nicht an der steigenden Zahl der Radfahrer auf den Straßen, glaubt Rasmussen: "Das liegt eher daran, dass wir im Straßenverkehr gerne vergessen, dass wir Teil eines sozialen Systems sind." Schließlich stritten sich auch Radfahrer untereinander, genau wie Autofahrer selten zufrieden mit dem Fahrverhalten der anderen sind.

Radfahren als lokaler Wirtschaftsfaktor

Womöglich, so glaubt man beim dänischen Fahrradverband, würden die Straßen sogar sicherer, je mehr Radfahrer unterwegs seien: Denn damit steige zumindest die Aufmerksamkeit füreinander. Tatsächlich verunglücken in Dänemark Jahr für Jahr weniger Radfahrer, obwohl immer mehr Menschen mit dem Fahrrad fahren: 2010 wurden im ganzen Land 92 Fahrradfahrer bei Unfällen ernsthaft verletzt, 19 getötet - so wenige wie nie zuvor. Zum Vergleich: In Deutschland starben im gleichen Jahr 381 Radfahrer. Für 2011 weist die Statistik allein in NRW 69 tödlich verunglückte Radler aus.

In Kopenhagen rechnet man derweil hoch, was die gesundheitsfördernde Fortbewegung per Rad volkswirtschaftlich wert ist: mehr als 200 Millionen Euro, so die Schätzung. Ein lokaler Wirtschaftsfaktor sind die Räder obendrein: Seitdem sie in den Pendlerzügen aus den Vororten umsonst und in speziellen Abteilen mit genügend Platz mitfahren können, seien die Fahrgastzahlen um zehn Prozent gestiegen, rechnet Jens-Loft Rasmussen vor. Und die mehr als 300 Fahrradläden, -werkstätten und -fabriken rund um Kopenhagen setzten 2010 gut eineinhalb Milliarden Euro um.

Längst setzt auch die Tourismusindustrie aufs Zweirad - die Stadt verleiht Räder gegen Pfand und lädt Journalisten zu Radtouren ein, um die Kunde von der Fahrradhauptstadt zu verbreiten. Denn wer an Städte voller Fahrräder denkt, denkt - zumindest in Europa - vor allem an Amsterdam.

Radeln ist einfach praktisch

Dabei hat das Fahrrad als Transportmittel in Kopenhagen Tradition:1984 baute ein Schmied der Fahrradwerkstatt in Christiania, dem Hippie-Freistaat auf einem alten Kasernengelände in Kopenhagen, den Prototypen des berühmten Transportfahrrads mit geräumiger Holzbox auf zwei Vorderrädern. Was damals als Geschenk für seine Frau gedacht war, wurde ein Verkaufsschlager. Allein durch Kopenhagen fahren 19 000 Lastenfahrräder, jede sechste Familie mit Kindern hat eines. 2011 war das erste Jahr, in dem die Werkstatt ihre Verkaufszahlen nicht steigern konnte - die Finanzkrise.

Obwohl die Räder im subversiven Christiania gefertigt wurden, war unter den Käufern "vom ersten Moment an jede Facette des politischen Spektrums vertreten", erinnert sich Preben Dam Kristensen, 65, Mitarbeiter der ersten Stunde. Ideologie, so scheint es, liegt den Kopenhagenern fern - zumindest, wenn es ums Radfahren geht. Das ist bis heute so: Umweltschutz? Fitness? Kann schon sein, bekommt man hier zur Antwort. Radfahren ist für die Kopenhagener weder Weltanschauung noch Mittel zu Selbstoptimierung. Es ist einfach praktisch.

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