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Fluch oder Segen: Homöopathie als Heilmittel ohne Nebenwirkungen?

Homöopathie

Je mehr man die Rohstoffe mit Wasser verdünnt, desto wirksamer sei das Präparat, glauben die Anhänger der Ho­möo­pa­thie.

Foto:

Szasz-Fabian Erika - Fotolia

Schon mal das Sekret eines menschlichen Abzesses geschluckt? Oder das Gift der Buschmeisterschlange? Auch auf Nabelschnurblut und zerstoßene Käfer greifen die Hersteller von homöopathischen Mitteln als Rohstoffe zurück. Dass man beim Einnehmen der Kügelchen oder Tinkturen nicht würgen muss, hat mit der vielfachen Verdünnung zu tun, in der sie den Patienten verabreicht werden. Je flüchtiger die Grundsubstanz, desto wirksamer, lautet die Devise.

Statt sich zu ekeln, greifen die Bundesbürger immer mehr zu. Der Apothekerverband ABDA berichtet, dass jeder zweite Deutsche bei Beschwerden homöopathische Arzneimittel schlucke. Und das Institut für Demoskopie in Allensbach hat vor Jahren ermittelt, dass 84 Prozent der Bürger Homöopathika entweder schon nehmen oder sich vorstellen können, sie zu nehmen.

Wissenschaftlich keine Wirkung zu beweisen

Kritiker sehen die Entwicklung je nachdem mit Skepsis oder Besorgnis, da sich die Wirksamkeit der Mittel mit wissenschaftlichen Methoden nicht nachweisen lässt. Während bisher aber die Meinung herrschte, dass die Kügelchen zumindest nicht schaden, haben im Februar Berichte aus den USA die Öffentlichkeit alarmiert, dass mehrere Kinder dort an Homöopathika auf der Basis von Tollkirsche gestorben sein könnten. "Wenn es einen Paradigmenwechsel gibt, dann müssten wir handeln", erklärt der Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich, der als Obmann für die CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss sitzt.

Was damit im Raum steht, ist ein Ausschluss der Homöopathie aus der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Zu den Pflichtleistungen, die der Gesetzgeber vorschreibt, gehört die Alternativmedizin sowieso nicht. Gerade weil die Wirksamkeit strittig ist, stellt das Sozialgesetzbuch V den Krankenkassen frei, ob sie die Kosten übernehmen. Immerhin: 80 von rund 120 Kassen haben Behandlungsverträge mit Ärzten geschlossen, die sich in klassischer Homöopathie fortgebildet haben.

Die Diskussion, wie sinnvoll das zusätzliche Kassenangebot ist, wurde vor ein paar Jahren schon einmal geführt. Damals hatte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach an der Regelung rütteln wollen, nachdem die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder der Homöopathie erst den Weg in die Erstattung geebnet hatte. Vergeblich. Heute will Lauterbach, selbst Arzt und inzwischen stellvertretender Fraktionsvorsitzender aus dem Wahlkreis Leverkusen/Köln IV, sich nicht zu dem Thema äußern. Zu heiß scheint das Eisen zu sein, im Herbst sind schließlich Bundestagswahlen.

Homöopathie als Marketing-Instrument

Tatsächlich würde man sich mehr Mut der Politik wünschen. Erstaunlich ist, dass an der Spitze von zwei der wichtigsten Einrichtungen des Gesundheitswesens in Deutschland Männer sitzen, die den fehlenden Nutzennachweis der Homöopathie offen anprangern. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), in dem Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen Nutzen, Qualität und Wirtschaftlichkeit von medizinischen Maßnahmen und Arzneimitteln beurteilen, kommt daher zu dem Schluss: "Leistungen ohne Nutzennachweis sollten nicht noch dadurch geadelt werden, dass sie von Kassen bezahlt werden."Hecken glaubt, dass die Kassen die Homöopathie als Marketing-Instrument nutzten, um gut verdienende Versicherte an sich zu binden. Solche Mitglieder bringen den Kassen nicht nur mehr Beitragsgelder, sie verursachen letztlich auch weniger Ausgaben, weil sie in der Regel mehr auf ihre Gesundheit achten.

Sein Kollege Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln spricht von "Artenschutz" für die Homöopathie, der völlig unangebracht sei. Dabei wären GBA und IQWiG eigentlich genau die Einrichtungen, die offiziell ein Urteil zur Alternativmedizin abgeben könnten.

Tödliche Nebenwirkungen?

Da die Homöopathie aber ohnehin keine Pflichtleistung ist, fällt diese Prüfung nicht in ihr Revier. Können homöopathische Mittel tödliche Nebenwirkungen haben? Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn heißt es, die Vorfälle in den USA seien undenkbar, weil das BfArM präventiv die Mittel prüfe, bevor sie auf den Markt kämen. Globuli ohne spezielles Anwendungsgebiet werden nur registriert, andernfalls gebe es eine regelrechte Zulassung, die aufwändig sei.Sicher ist jedenfalls: Ins Geld geht die homöopathische Behandlung nicht. Während die GKV im vergangenen Jahr Medikamente in Höhe von 36 Milliarden Euro erstattete, verkauften die Apotheken homöopathische Arzneimittel für 622 Millionen Euro. "Die Ausgaben für Homöopathie machen bei uns weniger als ein Promille aus", erklärt Michael Ihly von der Techniker-Krankenkasse, die zehn Millionen Mitglieder hat. Allerdings: Unter dem Strich spart die Kasse trotzdem kein Geld. Wie aus einer Studie der TK in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité hervorgeht, verursachten Patienten, die alternativmedizinisch behandelt wurden, sogar höhere Gesamtausgaben als eine Kontrollgruppe.

Immerhin waren die Daten von 44 500 Versicherten ausgewertet worden. Der CDU-Gesundheitspolitiker Hennrich sagt: "Wir wollen in der Fraktion keinen Glaubenskrieg auslösen." Es gebe aber viele Fragen. Hennrich: "Ich sehe einen Ansatz, dass wir der Homöopathie das Leben schwerer machen müssen."


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