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Medienforscher: Der traurige Traum vom Berühmtsein

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Der Hamburger Medienforscher Steffen Burkhardt erklärt, warum frühe Prominenz den jungen Menschen schadet. Die Entwicklung der Pop-Band Tokio Hotel und des Ex-Fußballstars Sebastian Deisler sind symptomatisch für die Erkenntnisse des Forschers. Von
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Extrovertierte Kindheit
Extrovertierte Kindheit und Jugend: Die Zwillinge Tom und Bill Kaulitz genießen ihre Musik, nicht aber ihren Ruhm und den Zwang, dem öffentlichen Image immer entsprechen zu müssen. (Bild: dpa)

Sex, Drugs und Depressionen - wer früh berühmt wird, kann vielem verfallen. Tokio Hotel, Britney Spears, Miley Cyrus oder auch Sebastian Deisler: Die Medien sind voll von jungen Promis oder ehemaligen Jungstars, die unter ihrer frühen Prominenz leiden oder gelitten haben. Das Phänomen ist weit verbreitet, wird aber wenig reflektiert. Der Hamburger Medienforscher Steffen Burkhardt versucht eine Erklärung.

Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz (20) redet offen über die Schattenseiten seines Berühmtseins - über Flucht in Drogen etwa, oder über die Unmöglichkeit, ganz normal jemanden kennenzulernen.

Nur für ihre Leistungen geliebt

In diesen Tagen sucht auch der ehemalige Fußballprofi und Ex-Nationalspieler Sebastian Deisler (29) wieder die Öffentlichkeit - er zog sich wegen Depressionen zurück. „Ich bin unglücklich geworden, als ich versucht habe, andere glücklich zu machen“, sagte er im Interview. Jetzt ist sein Buch erschienen: „Sebastian Deisler: Zurück ins Leben“.

„Bei Jungstars besteht die Gefahr, dass sie das Gefühl haben, nur für ihre Leistungen geliebt und anerkannt zu werden. Diese Reduktion auf Effizienz ist für die Entwicklung des Selbstwertgefühls problematisch“, sagt Burkhardt.

Viele der Früh-Prominenten landen in Entzugskliniken oder in der Psychiatrie, weil die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sie krank mache. Während ihre Altersgenossen sich in Beziehungen ausprobieren und aus Fehlern lernen können, finde dieser normale Lernprozess bei Jungstars nur begrenzt statt, so Burkhard.

Für viele „normale“ Erwachsene sei es schon unangenehm, die eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören oder unvorteilhafte Fotos von sich zu sehen. „Wie schlimm muss es also erst für einen Heranwachsenden sein, der überall Aufnahmen von sich sieht? Und noch schlimmer: Der dem öffentlich produzierten Image jederzeit entsprechen muss?“

Irgendwann könne der Erwartungsdruck übermächtig werden. Ex-Kinderstar Britney Spears rasierte sich einst ihren Kopf kahl, als wollte sie schreien: „Ich bin nicht mehr euer blondes Püppchen!“

Personifizierte Markenprodukte

Burkhardt: „Als Prominenter ist man ein personifiziertes Markenprodukt, ein Symbolträger. Prominente werden nicht ,idolisiert , weil sie so tolle Menschen sind, sondern weil sie als öffentliche Symbolträger auf etwas verweisen, was ihre Anhänger fasziniert.“ Das könne zum Beispiel, wie bei Bill Kaulitz, musikalische Kreativität sein, gepaart mit mangahafter Geschlechtslosigkeit.

Problematisch wird die Prominenz, wenn sich der Star soweit verändert, dass er seine Glaubwürdigkeit als Symbolträger verliert. Beispiel: Robbie Williams. Nach seiner Zeit als Teenie-Idol bei der Boygroup Take That feierte er auch Solo-Erfolge. „Er symbolisierte gute Popmusik in Kombination mit Humor und junger Maskulinität. Seine Fans liebten dieses ,Markenpaket , doch für Williams wurde es immer schwieriger, seinem Image zu entsprechen. Er flüchtete sich in Drogen- und Alkoholexzesse, wurde immer fetter“, so Burkhard. Schließlich habe sich Williams zu einem „sehr klugen Schritt“ entschlossen, sagt Burkhardt. Entzug, Therapie und Rückzug aus der Öffentlichkeit. Jetzt kommt er mit neuem Album zurück. Er sei einer der wenigen in der Entertainment-Branche, denen ein solcher Schritt gelungen sei.

Vor allem mit dem Siegeszug des Fernsehens wurden immer mehr Teenie-Stars „geboren“. Das Ganze gipfelt in der Castingshowkultur. Heute träumt fast jeder Jugendliche davon, groß rauszukommen. Diese infantile Sehnsucht nach dem Starsein bezeichnet Medienexperte Burkhardt in Anlehnung an die Kinderserie über eine Teenagerin, die ein Doppelleben als Schülerin und berühmte Sängerin führt, als „Hannah-Montana-Phänomen“. „Teenies würden gerne wie Hannah aus der Alltagswelt ausbrechen und zum scheinbar sorglosen Star werden.“

Burkhardts Fazit: Die Medienindustrie nährt stetig die Fantasie von Kindern mit dem Leistungsmythos. „Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, dann wirst auch du berühmt und bist liebenswert.“ Um die Schattenseiten der Prominenz geht es dagegen viel zu selten.

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