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"Euthanasie" : Sterbehilfe für Kinder

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dpa

Brüssel -

Belgien will die aktive Sterbehilfe für todkranke Kinder legalisieren. Der zuständige Ausschuss im Senat brachte jetzt ein entsprechendes Gesetz auf den parlamentarischen Weg. Dagegen stimmten nur die Vertreter der Christdemokraten und der flämischen Nationalisten. Die Kirchen - Christen, Juden, Muslime - bekundeten in einer gemeinsamen Erklärung "Enttäuschung und Trauer". Verabschiedet ist das Gesetz allerdings erst, wenn der Senat und die Abgeordnetenkammer zugestimmt haben.

Es sieht die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe für Kinder - egal welchen Alters - vor, wenn sie unerträgliche Schmerzen leiden und absehbar ist, dass ihre Krankheit binnen Jahresfrist zum Tode führt. Die Zustimmung beider Eltern ist erforderlich. Nach Experten-Schätzungen könnte es in Belgien pro Jahr zehn bis 15 einschlägige Fälle geben, vor allem bei Kindern mit Leukämie oder Hirntumoren.

Sterbehilfe für Erwachsene

Nach Umfragen befürworten drei Viertel der Belgier die seit 2002 für Erwachsene erlaubte aktive Sterbehilfe. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass "Euthanasie" in rund vier Prozent der Fälle als offizielle Todesursache firmiert. Aber immer wieder machen einzelne Schicksale darauf aufmerksam, wie heikel die vermeintliche Normalität ist. Im Herbst ließ sich der 44-jährige Nathan Verhelst die Todesspritze setzen. Die längste Zeit seines Lebens war er "Nancy" gewesen. Die ersehnte Geschlechtsumwandlung missglückte, Verhelst zerbrach an der Enttäuschung. Sein Arzt bescheinigte ihm "unerträgliches Leiden". "Belgien ist weltweites Beispiel, wie Euthanasie außer Kontrolle gerät", erklärte Alex Schadenberg von der Internationalen Koalition gegen Sterbehilfe dieser Tage auf einer Veranstaltung der Hanns-Seidel-Stiftung in Brüssel. Professor Jan Bernheim, Leiter einer einschlägigen Forschungsgruppe, liest die belgischen Zahlen hingegen umgekehrt: Man habe lediglich die Praxis aus der rechtlichen Schmuddelzone geholt.

Legalisierung der Euthanasie

Die Benelux-Länder sind mit der Legalisierung der Euthanasie - das ist dort der offizielle Begriff, der nicht wie hierzulande den Nazi-Makel trägt - die Ausnahme in Europa. In Belgien machten im vergangenen Jahr 1432 Menschen - mehr als je zuvor - von der Möglichkeit Gebrauch, mit Hilfe der Ärzte ihrem Leben ein Ende zu setzen, eine Zunahme um mehr als ein Viertel. Die Mehrheit waren Flamen, also aus dem nördlichen Landesteil. Fast drei Viertel der Patienten litten an Krebs.

Voraussetzung ist Unheilbarkeit

Voraussetzung für den Freitod mit Hilfe Dritter ist die Unheilbarkeit des Leidens, sei es körperlich oder seelisch. Bei Erwachsenen muss es sich aber nicht um eine tödliche Krankheit handeln. Der Arzt muss bestätigen, dass Linderung durch Behandlung unmöglich und das Sterbeverlangen des Patienten dauerhaft ist. Die Schwere des Leidens ist durch einen zweiten Mediziner zu beglaubigen. Der Patient muss seinen Wunsch schriftlich oder, wenn das nicht geht, über eine Vertrauensperson bekunden. Wer Sorge hat, sich nach einem Unfall nicht mehr artikulieren zu können, kann in einer Willenserklärung verfügen, dass an ihm "Euthanasie praktiziert" werden solle.

Er sehe die Entwicklung in Belgien mit großer Sorge, meint der christdemokratische Europa-Abgeordnete Peter Liese. "Auch wenn es im Einzelfall so sein mag, dass Kinder sich die Tötung wünschen, so ist die Gefahr des Missbrauchs hier natürlich noch größer als bei Erwachsenen."