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Bonner Politologe Kinan Jaeger: „Syrien wird zerbrechen“

Nach einem Luftangriff in einem Vorort von Damaskus sammeln die Einwohner Brauchbares aus den Trümmern.

Nach einem Luftangriff in einem Vorort von Damaskus sammeln die Einwohner Brauchbares aus den Trümmern.

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dpa

Wie viel bringt es, ein paar Millionen Euro und einige Tonnen Hilfsgüter in ein Kriegsgebiet zu entsenden?

Ich bin skeptisch. Leider sind viele Hilfsgelder, die auf der letzten Syrien-Konferenz versprochen wurden, gar nicht geflossen. Es ist nicht einfach, in Syrien die richtigen Empfänger zu finden, so lange an allen Fronten gekämpft wird. Hilfsprogramme wirken zur Zeit nur punktuell - wie im Falle der Rettung ausgehungerter Menschen von Madaja. Was Syrien braucht, ist zunächst ein Waffenstillstand. Dann muss ein umfassendes Aufbauprogramm konstruiert werden. Beides erfordert die Mithilfe der großen Mächte, die von Außen auf den Konflikt einwirken. Damit meine ich nicht nur die USA oder Russland, sondern auch regionale Akteure wie den Iran, Saudi-Arabien und die Türkei.

Wie hoch stehen die Chancen für einen Waffenstillstand?

Der Druck im Kessel des syrischen Bürgerkrieges ist hoch. Viele Rechnungen werden noch beglichen - zwischen dem Regime und der Opposition sowie verfeindeten Religions- und Volksgruppen. Viele Minderheiten kämpfen mit dem Rücken zur Wand. Sie können es sich nicht leisten, nachzugeben. Andere werden von Außen befeuert weiterzukämpfen. Ihr strategisches Ziel ist, am Tag der Verhandlungen bestmögliche Positionen zu halten. Das gilt nicht nur für den IS. Nehmen Sie etwa die Kurden: Im Norden Syriens geht es für sie um Ölfelder, Pipelines, einen Zugang zum Mittelmeer und den eigenen Staat. Im Westen kämpft die Hisbollah im Auftrag Irans um mehr Einfluss für die Schiiten. Sie alle sehen jetzt ihre große Stunde gekommen. Warum sollten sie jetzt, auf halbem Wege zum Ziel, einem Waffenstillstand zustimmen?

Sie sind Befürworter eines "Marshall-Planes" für den gesamten Nahen Osten. Wie könnte der aussehen?

Ziel eines Aufbauplanes muss sein, den Menschen in ihrer Heimat eine bessere Zukunftsperspektive zu bieten. Er bestünde aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen und militärischen Komponenten. Kernelement ist eine Freihandelszone für den Mittelmeerraum. Für alle Anrainer müssten Zölle und juristische Barrieren abgebaut werden, es gäbe dann freien Waren- und Reiseverkehr. Es geht nicht nur um den Ausbau von Infrastruktur wie Häfen und Straßen - interessant wären auch Investitionen etwa in den Tourismus oder zur Gewinnung von Wüstenstrom für die EU. Zu prüfen wäre auch, ob das Anwerben günstiger Arbeitskräfte aus dem arabischen Raum Perspektiven für beide Seiten bietet. Dafür bedarf es aber zunächst politischer Stabilität.

Wenn man überlegt, wie viel der deutsche Aufbau Ost gekostet hat, dann stellt sich die Frage: Wer soll Mittel für den Aufbau Nahost bereitstellen?

Die EU wird wohl die Hauptlast tragen müssen. Sie würde aber auch am meisten profitieren, weil sie die Konsequenzen der Krisen in ihrer Nachbarschaft derzeit am deutlichsten spürt. Von den USA wird hier im anstehenden Wahlkampf nicht viel zu erwarten sein. Auch mit den arabischen "Bruderstaaten" ist nicht zu rechnen. Sie haben Angst, Menschen aus ihren Nachbarländern aufzunehmen, weil sie politische Unruhen und Veränderungen im eigenen Land befürchten.

Macht ein Aufbau-Plan für Nahost den Westen sicherer?

Ich denke schon. Mehr Sicherheit für die Menschen im Nahen Osten bringt auch mehr Sicherheit für uns. Der Druck auf Europa, vor allem die Flüchtlingsbewegung, würde nachlassen. Steigt die Lebensqualität, würden auch radikale Überzeugungen - wie die des IS - klar an Boden verlieren. Das alles wird natürlich viel Geld kosten. Unsere Sicherheit ist nicht zum Nulltarif zu haben. Militäreinsätze sind allerdings noch deutlich teurer.

Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands dabei?

Deutschland genießt einen exzellenten Ruf im Nahen Osten, vor allem in Syrien! Denn wir haben - anders als Frankreich und Großbritannien - in der Region keine koloniale Last zu tragen. Vergessen wir auch nicht die lange Tradition deutscher Wirtschaftshilfe für den Nahen Osten - angefangen mit dem Bau der Bagdad-Bahn, dem Besuch Kaiser Wilhelms bis hin zur Entwicklungszusammenarbeit der DDR in Syrien. Dort ist bis heute nichts davon in Vergessenheit geraten. Wir sind in Syrien geradezu prädestiniert, zu vermitteln und den Wiederaufbau zu begleiten. Gleichzeitig haben wir gute Kontakte zu Israel, zur Türkei und zum Iran. Deutschland besitzt viel Vertrauenskapital in Nahost und wird als Größe wahrgenommen. Bisher sind wir weit hinter unseren Möglichkeiten zurückgeblieben.

Wie sieht Syrien in zehn Jahren aus?

Die bisherigen Grenzen sind nicht zu halten. Syrien wird zerbrechen. Ein Teil des Territoriums wird wohl an die Kurden gehen, die seit Jahrzehnten für ihren eigenen Staat kämpfen. Die Küstenregion, Damaskus, Latakia und Homs bleiben vielleicht in den Händen des Assad-Regimes. Die Zentralregion - wo heute der IS Kontrolle ausübt - wäre sunnitischer Herrschaft unterworfen. Möglich ist, dass auch Drusen und Christen sich abspalten. Ich befürchte eine Balkanisierung Syriens. Dies ist ein hohes geopolitisches Risiko, so nah an der Außengrenze der EU, an Israel, an der Nato und an den Energiequellen der Golfregion.


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