Aktuelle Nachrichten aus Köln, der Region und der ganzen Welt

Zwei Polizisten berichten: Rechtsfreie Räume in Deutschland? – Ein Ortsbesuch in Duisburg-Marxloh

Eine zersplitterte Fensterscheibe eines Ladens in Duisburg-Marxloh. Der Stadtteil ist in Verruf geraten als "No-Go-Area", in der sich die kriminelle Halbwelt tummelt.

Eine zersplitterte Fensterscheibe eines Ladens in Duisburg-Marxloh. Der Stadtteil ist in Verruf geraten als "No-Go-Area", in der sich die kriminelle Halbwelt tummelt.

Foto:

dpa

Markus Müller hat die Frühschicht gerade hinter sich gebracht, aber Entspannung stellt sich nicht ein. Sein Blick ist direkt und standhaft, ganz so, als würde man in zwei Taschenlampen schauen. Breite Schultern, Haare kurz rasiert, 120-prozentige Aufmerksamkeit. Eine Ausstrahlung, die sagt: "Mach' bloß keinen Scheiß!" Müller, 47 Jahre alt, arbeitet als Polizist in Duisburg-Marxloh, jenem Stadtteil, der es regelmäßig ohne Mühe in die Schlagzeilen schafft. Weil hier mal jemand auf offener Straße erstochen wird. Oder in einer Trinkhalle ein florierender Drogenhandel ausgehoben wird. Oder im Sommer auf der Hauptstraße 200 Menschen mit Migrationshintergrund aufeinander einprügeln. Wegen einer Nichtigkeit, eines falschen Blicks oder der "Familienehre".

Duisburg-Marxloh: 19 000 Einwohner, 64 Prozent von ihnen mit ausländischen Wurzeln, 16 Prozent Arbeitslosigkeit. "No-go-Zone" nannte die Gewerkschaft der Polizei das Viertel - eine Vokabel, die der eigenen Hilflosigkeit geschuldet war. Natürlich ist Marxloh kein Ghetto, in das sich niemand mehr hineintraut. Bäckerei, Sparkasse, Schnellimbiss: Überall brummt das Leben, überall sind auch Deutsche unterwegs.

Hier wird Integration gelebt

Mit der fürs Ruhrgebiet typischen Unaufgeregtheit wird hier Integration gelebt, ohne dass das Wort überhaupt fällt. Tausende türkische Gastarbeiter haben in den deutschen Wirtschaftswunderjahren im Duisburger Norden ihren Platz gefunden, ihre Nachfahren betreiben Geschäfte auf der Hochzeitsmoden-Meile in Marxloh oder anderswo. Dass selbst sie nun die Nase voll haben von den neuen, sozialen Umbrüchen, mit den Kindern in bessere Viertel abwandern, zeigt, wie gut Integration hier funktioniert hat. Bis vor Kurzem.

"Ich arbeite seit 22 Jahren auf der Wache Hamborn", sagt Markus Müller, "aber in den letzten Jahren hat sich vieles zum Negativen entwickelt." Über 2000 Straftaten hat die Polizei 2014 in Marxloh vermerkt, doch was für Anwohner zählt, findet ja oft gar keinen Eingang in die Kriminalstatistik. Rempeleien auf dem Bürgersteig, Weg-Versperren, Anspucken von Streifenwagen, Menschenansammlungen bei kleinsten Vorfällen, die schließlich eskalieren, Notärzte behindern, Polizisten in Bedrängnis bringen. "Mit dem ostentativen Griff an die Eier werden Frauen und Mädchen unverhohlen angestarrt, nicht-muslimischen Mädchen 'Hure' und 'Fick dich' hinterhergerufen", notierte ein Beamter unlängst in schonungsloser Sachlichkeit.

Die Situation mit dem Schlagstock retten

Drei libanesische Familienclans haben Marxloh terrorisiert, bis Innenminister Ralf Jäger den tapferen Streifenbeamten 2015 eine Hundertschaft zur Verstärkung schickte. 38 Beamte in acht Streifenwagen unterstützen Müller und seine Kollegen nun. Stück für Stück erobern sie sich die Hoheit über Marxloh zurück. Bei "Zwischenfällen", wie Müller sie nennt, gibt es jetzt massive Präsenz. "Allein im ersten Halbjahr 2015 sind wir zu 250 Einsätzen mit mehr als vier Streifenwagen gefahren."

Vor der Rückeroberung der Straße gilt es erst einmal, Kontrolle über die einzelne Situation zu bekommen. "Man muss sich das so vorstellen", sagt Müller, "dass der Polizist zu einem simplen Blechschaden gerufen wird, die Personalien aufnimmt und sich auf einmal mit einer riesigen Gruppe aggressiver Männer konfrontiert sieht." Unbeteiligte mischen sich ein, telefonieren Verstärkung hinzu, es wird geschubst, gepfiffen, provoziert, der Beamte von der wachsenden Gruppe eingekesselt. "Irgendwann stehen Sie mit dem Rücken zum Streifenwagen", sagt Müller.

Er drückt das Adrenalin dann weg, irgendwie. "Man agiert da bloß noch", sagt er. Manche Situation lässt sich nur mit einem Schlagstock retten oder mit dem drohenden Griff zur Schusswaffe. Die Unruhe, die bisweilen nach Feierabend hochkommt, versucht er kleinzuhalten. "Viele Kollegen haben sich versetzen lassen." Doch Müller war als junger Polizist vor 27 Jahren heiß auf Marxloh: "Ich wollte keinen Bürojob, ich wollte helfen." Heute ist er sich nicht mehr ganz so sicher, ob er noch Helfer ist oder Resterampe schiefgelaufener Integrationsarbeit.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Null-Toleranz-Strategie helfen soll.

nächste Seite Seite 1 von 2