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Homöopathie: Umstritten - sollte man Kindern Globuli geben?

Für Kritiker bestehen die homöopathischen Kugeln nur aus Milchzucker, weil der Wirkstoff in den Globuli kaum oder gar nicht mehr nachweisbar ist.

Für Kritiker bestehen die homöopathischen Kugeln nur aus Milchzucker, weil der Wirkstoff in den Globuli kaum oder gar nicht mehr nachweisbar ist.

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dpa-tmn

Die einen schwören drauf, die anderen sprechen von „Hexenwerk“. Was die Homöopathie angeht, sind die Fronten verhärtet. Gerade schwangere Frauen werden häufig mit dem Rat konfrontiert, homöopathische Mittel einzunehmen. Schließlich dürfen sie viele herkömmliche Medikamente nicht mehr schlucken. Einige greifen deshalb zu den vermeintlich sanften Kügelchen. Ist das Baby da, bekommt es oft auch Globuli verabreicht, wenn es zahnt oder nicht trinkt zum Beispiel. „Kann ja nicht schaden - ist ja ein sanftes Mittel“, glauben viele. Aber ist das wirklich so?

„Es ist nichts drin. Insofern kann auch nichts passieren“

„Es ist ja nichts drin. Insofern kann auch nichts passieren“, erklärt Dr. Natalie Grams, eine „Homöopathie-Aussteigerin“. Die Ärztin war lange Zeit auch überzeugte Homöopathin, hatte seit 2011 als Ärztin für Homöopathie sogar eine eigene Praxis. Dann hinterfragte sie, was Begründer Samuel Hahnemann vor 200 Jahren vorrechnete, dass durch die hohe Potenzierung, das heißt Verdünnung, eines Grundstoffs sich dessen Energie im Körper erst richtig entfalte. „Für diese Theorie gibt es keine Belege“, sagt Grams.

„Überzeugte Homöopathen sagen, dass wir noch nicht die Mittel haben, um das zu beweisen. Aber wir können es heute tatsächlich schon widerlegen.“ Je mehr sie sich mit den Hintergründen der Homöopathie beschäftigte, desto mehr zweifelte sie daran. Schließlich schließt sie Ende 2014 sogar ihre Praxis - sie plant, wieder als Ärztin in einer Klinik zu arbeiten. Über ihre Erkenntnisse hat Grams ein Buch geschrieben mit dem Titel „Homöopathie neu gedacht“ - darin verteufelt die Autorin ihre einstige Einnahmequelle keineswegs.

Homöopathische Mittel haben Placebo-Effekt

Laut Grams entspricht die Wirkung homöopathischer Mittel dem Placebo-Effekt. „Das zeigen auch viele Studien“. Auch die Zeit, die sich Homöopathen für ihre Patienten nehmen, wirke sich häufig positiv auf den Heilungsprozess aus. „Das sagt viel darüber aus, was wir in der regulären Behandlung von Patienten anders machen müssen“, sagt die Medizinerin Grams. Doch die eigentliche Zielsetzung der Homöopathie, die sich als Behandlung mit Arzneien begreife, werde nicht erfüllt.

Das Ritual hilft - nicht die Globuli

Sollte man also besser doch ganz auf die Globuli verzichten? „Wenn es in einer Familie bereits zu einem Ritual geworden ist, dass Kinder bei Bauchschmerzen Globuli bekommen, kann man ruhig dabei bleiben“, sagt Grams. Das helfe den Eltern, weil sie etwas tun können und den Kindern, weil sie das Gefühl haben, Hilfe zu bekommen. „Es ist aber nichts Anderes, als auf eine Schramme zu pusten oder ein Pflaster darauf zu kleben“, so die Ärztin. „Wichtig ist, dass man sich darüber bewusst ist, dass das Ritual hilft - nicht die Globuli.“

Oft braucht man gar keine Arznei

Wer Homöopathie in seiner Familie noch nicht eingeführt hat, der könne aber genauso darauf verzichten, findet Grams. „Ich gebe meinen Kindern keine Globuli mehr.“ Es bestehe auch die Gefahr, dass die Kinder damit aufwachsen, dass es gegen jedes kleine Wehwehchen ein Mittelchen gebe. „Als eins meiner Kinder kürzlich fieberte, ging das Fieber eine Stunde später ganz von selbst wieder runter“, erzählt Grams. „Früher hätte ich in solchen Fällen direkt zu den Kügelchen gegriffen.“ Grams' Fazit: „Ich finde man kann aus der Hömöopathie auch lernen, wie oft man keine Arzneien oder Medikamente braucht.“

Viele gehen zum Homöopathen, wenn alles andere nicht hilft

Heilpraktikerin Christine Liebing-Gabel sieht das anders. Auch Mütter mit sehr kleinen Kindern frequentierten ihre Praxis, berichtet Liebing-Gabel. Die Sprecherin des Verbands klassischer Homöopathen verschreibt auch Babys in ihrer Praxis oft Globuli, „zum Beispiel, wenn sie Neurodermitis oder Stuhlprobleme haben“, so Liebing-Gabel. „Sie kommen häufig dann, wenn die konventionelle Therapie nicht greift.“

Keine Selbsttherapie bei den Kindern starten

Waren die Mütter mit ihren Kindern vorher nicht beim Allgemeinmediziner oder Facharzt, schickt Liebing-Gabel sie gegebenenfalls erst dorthin, „um organische Ursachen für bestimmte Symptome auszuschließen“. Erst danach beginnt sie mit einer homöopathischen Behandlung.

Die Hömöopathin warnt Eltern allerdings vor einer Selbsttherapie ihrer Kinder, ohne einen Heilpraktiker aufzusuchen. Zwar könne etwa bei der Überdosierung von homöopathischen Mitteln in der Regel nichts Schlimmes passieren. Aber: „Wenn man den Kindern in kurzer Zeit sehr viele verschiedene Globuli gibt, sind das für den Körper einfach zu viele verschiedene Informationen.“

Gefährlich wird es, wenn Eltern lebenswichtige Medikamente verweigern

Gefährlich wird es, wenn Eltern ihren Kindern lebenswichtige Medikamente verweigern, weil sie ausschließlich auf sanfte Heilmethoden setzen. „Es ist wirklich wichtig, dass Eltern sich verantwortungsbewusst verhalten und von ihren Ideologien zum Wohle des Kindes auch einmal abweichen“, warnt Homöopathie-Kritikerin Grams.

Schwerhörig wegen nicht rechtzeitig behandelter Mittelohrentzündung

„Eine Mittelohrentzündung kann bei sehr kleinen Kindern zum Beispiel auf das Innenohr schlagen, wenn sie nicht rechtzeitig medikamentös behandelt wird“, berichtet Grams. „Das Kind wird sich später bei seinen Eltern bedanken, wenn es schwerhörig ist und Hörgeräte tragen muss, weil die an den vermeintlich sanften Heilmethoden festgehalten haben.“